10 WÖRTER: SCHALL UND WAHN

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Original Photography by Mariamichelle, CC0-Public-Domain-licensed

Die Hütte riecht nach feuchtem Moos und abgestandenem Rauch, dessen unangenehmer Gestank weder wie von Anuun behauptet den Schimmel entfernt noch seinen durchdringenden Geruch überdeckt hat, nachdem sie meinte, die komplette Holzbaracke ausräuchern zu müssen.
Trübes Wasser läuft an einer der in den Felsen geschlagenen Wände herunter und hat an den Rändern bereits eine kalkig-weiße, grünlich schimmernde Kruste gebildet. In einer Ecke steht ein verlorener Fahrradrahmen ohne Räder, dessen verrostetes Gestell der Kruste an der Wand Konkurrenz macht.
Logan sitzt mitten im Raum auf einer Pritsche aus frischem Schilf, das Anuun unten am See aus dem Kies gejätet hat; jeder andere Ort ist ihm nicht weit genug von diesen widerlichen Wänden entfernt, und auch wenn die Jutedecke furchtbar kratzt und sich die harten Schilfstängel wie dornige Äste anfühlen, die sich unter der Decke abdrücken, ist ihm alles lieber als die schneidende Kälte draußen.

Er weiß nicht, was ihm mehr zu schaffen macht; Hunger, Durst oder doch diese unendliche, hilflose Einsamkeit zwischen Bergen und Gletschern. Doch das Wasser, das Anuun vor zwei Tagen ausgekocht hat, hat seine grünliche Farbe dadurch nicht verloren; Logan wagt es genauso wenig zu trinken wie die braunen Klumpen in der schon vor dem Öffnen rostigen Dose zu essen, die er unter dem Tisch gefunden hat und deren Inhalt ihn trotz quälendem Hunger zu sehr an verdorbenes Katzenfutter erinnert, als dass er es über sich bringen könnte, einen der Fleischklumpen in seinen Magen zu befördern.
Unter dem Tisch liegt eine angeschimmelte kanadische Zeitschrift, die über die steigenden Männerquoten in den Inuit-Stämmen berichtet. Logan will lachen über diesen Kontrast zwischen halber Zivilisation und dreckiger Hütte, aber mehr als ein heiseres Keuchen will seiner Kehle nicht entweichen.

Am dritten Tag wacht er mit verklebten Augen und pochendem Herzen auf der Pritsche auf und ist sich für einen Moment sicher, dass er seine Beine nicht mehr spürt. Überrascht stellt er fest, dass die Luft tatsächlich frei zu sein scheint von den staubigen, Übelkeit erregenden Schimmelporen, ohne sich ganz sicher zu sein, ob er bereits wach ist oder noch träumt, aber die klare Luft lichtet den langsam, aber sicher eintretenden Wahn in seinem Kopf.
Auf wackeligen Beinen und mit schwerem Atem taumelt er aus der Hütte.
Die Kälte ist genauso schneidend, wie er sie in Erinnerung hatte. Alles hier kommt ihm feindselig vor, die Luft, der zerklüftete, dunkle Fels, selbst die kristallklaren, eisblauen Gletscher im schwarzen Wasser der Bucht.
Irgendwo hinter diesen endlosen Gipfeln muss das alte Schneemobil liegen, das sie hier im Stich gelassen hat.
„Vielleicht gibt es schönere Zeiten, Cousin, aber diese ist die unsere.“
Im Stich gelassen wie Anuun. Ihr hartes Englisch kommt ihm wieder in den Sinn; so viel besser, als er es in Erinnerung hatte, und doch so endlos fremd wie eine andere Sprache, die er wie durch ein Wunder versteht.
„Redet ihr Inuit alle so?“, hatte Logan sie müde gefragt.
„Das ist ein Zitat.“, hatte sie geantwortet, und als sein Gesicht keine Regung zeigte: „Sean-Paul Sartre.“
Seitdem hatte sie nichts mehr gesagt. Weil sie fort ist, und Logan leidet an Wahnsinn und Reue.
Er stolpert den steinigen Hang hinunter, isst, was er an Beeren findet, hastet mit letzter Kraft zur Klippe herunter und schöpft sich gierig mit beiden Händen das eiskalte Wasser in den Mund, nur um es kurz darauf prustend wieder auszuspucken, aber das Salz brennt sich unaufhörlich in seine ausgetrockneten Schleimhäute. Auf dem Weg zur Hütte übergibt er sich. Salz und Galle treiben ihn dazu, das brackige Wasser aus der Hütte doch zu trinken, aber er behält es nicht lange bei sich.

Am vierten Tag setzt Schüttelfrost ein. Nichts würde er jetzt lieber vor sich sehen als Anuuns schräge Mandelaugen, die ihm in ihrer Tiefe vorher stets Unruhe bereitet haben, doch jetzt sehnt er sich nach der geerdeten Weisheit, die darin liegt.
Wirre Träume plagen ihn und Schuldgefühle. Er hat Anuun vertrieben, sie ist erfroren, da ist er sich sicher. Kein Mensch kann diesem lebensfeindlichen Ort so lange Widerstand leisen.
Er träumt davon, dass er Blut trinkt, Spendenblut, sein eigenes; nichts anderes scheint ihm übrig zu bleiben. Immer wieder schreit er, weil er die Grenzen zwischen Traum und Realität nicht mehr auseinander zu halten vermag.
Schließlich schleppt er seinen kraftlosen Körper ein letztes Mal vor die Baracke.
„Anuuuuuun!“, brüllt er so laut er kann in den Nebel. Er nimmt die Stille nicht wahr, nicht die atemberaubende Schönheit dieses unberührten Fleckes; nicht einmal das Rentier, das hinter ihm Flechten von einem verdorrten Baum gezupft und bei seinem markerschütternden Schrei sofort die Flucht ergriffen hat.
Auch nimmt er nicht das brüllende Röhren nahender Schneemobile wahr, die sich mühsam über den Fjord gekämpft haben und sich jetzt von der Bucht aus nähern.
Da ist nur Schall und Wahn. Schall und Wahn und Nebel.
Dann bricht er zusammen.

40 min, auch dieses mal powered by Frau Ahnungslos, das Prinzip wird hier erklärt.
Das war gar nicht so negativ geplant wie es sich entwickelt hat, sondern sogar eher amüsant, aber dann ging es einmal richtig los und das hier ist eben dabei herausgekommen. Man soll der Kreativität ja freien Lauf lassen, wenn sie einmal fließt 😀

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9 Gedanken zu “10 WÖRTER: SCHALL UND WAHN

    1. Das Positive steckt in der Umkehrung des Negativbeispiels – sozusagen der Unterschied zwischen dem naturverbundenen Volk, das die Situatuion nutzt und die eigentlich wunderschöne Landschaft unerschrocken durchquert, um Hilfe zu holen, und dem „modernen“ Menschen, der daran innerhalb weniger Tage zugrunde geht, weil er sich zu blind dagegen stemmt.
      Man muss das Schöne quasi erkennen, während man sich unbewusst mit dem „Falschen“ identifiziert und somit den gleichen Fehler macht wie er.

      Aber das ist nur meine eigene Interpretation, meine Gedanken nachdem ich das geschrieben hatte, um Hoffnung geht es genauso.

      Liebe Grüße!

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