PHILOSOVOGEL

Es war einmal ein Vogel, dessen Lieblingsplatz ein malerischer Hügel hinter einer prachtvollen Universität war, geschmückt von nur einem einzigen Baum, der kerzengerade genau auf seinem höchsten Punkt thronte.
Der Vogel saß dort jeden Tag und genoss Sonne und Ruhe, denn die anderen Tiere fühlten sich an dem einzelnen Baum nicht so sicher wie im nahen Wald und mieden daher diesen Ort.

Eines Tages fiel dem Vogel ein glatzköpfiger, alter Mann mit langem Kinn und ebenso langer Nase auf, der einen seltsamen, langen, metallenen Gegenstand den Hügel hinaufschleppte und damit dort den ganzen Tag verweilte, bis es dunkel wurde und er den Hügel wieder hinunterhinkte.
Der Vogel wunderte sich nicht sehr über diesen Besuch, denn manchmal, ganz selten, verirrten sich auch vereinzelte Studenten zu ihm unter den Baum, blieben ein paar Stunden sitzen und kamen dann nie wieder.
Doch der glatzköpfige Mann kehrte am nächsten Tag zurück auf den Hügel, und auch am Tag danach und am darauffolgenden Tag kraxelte er den Hügel hinauf, setzte sich ruhig mit seiner Metallstange unter den Baum und verharrte dort regungslos, bis es anfing zu dämmern.

Am vierten Tag wurde der Vogel schließlich von seiner Neugier besiegt und verließ seinen Baum, um sich unauffällig in einiger Entfernung zu dem Mann ins Gras zu setzen und seine Gerätschaft aus näherer Entfernung zu betrachten, denn sie schien ihm etwas sehr Wertvolles zu sein, war sie doch in der Lage, die Aufmerksamkeit eines dieser schlauen Menschen den ganzen Tag auf sich zu ziehen.
Als der Mann auf den Vogel nicht reagierte, hüpfte er leise immer näher, bis er schließlich direkt vor ihm saß, doch der Glatzkopf würdigte ihn keines Blickes. Den ganzen Tag lang saßen sie sich so gegenüber, bis der Vogel den Hunger nicht mehr aushielt und davonflog, um sich einen Wurm zu erjagen.

Am fünften Tag setzte er sein Experiment fort, doch da der Mann immer noch keinerlei Kenntnis von ihm zu nehmen schien, wurde es ihm schnell langweilig; auch kratze es langsam an seiner Würde, nicht beachtet zu werden, denn er war ein hübscher Vogel mit leuchtend gelbem Gefieder und roten Flügelspitzen, der von Menschen sonst durchgehend kurze, aber freudige Bewunderung gewohnt war.
Also wedelte er grüßend mit einem Flügel, wie er es manchmal bei den Studenten gesehen hatte, die sich auf seinen Hügel verirrt hatten, doch auch darauf reagierte der Mann keineswegs.
„Fühlst du dich nicht angesprochen?“, fragte der Vogel schließlich leicht verärgert.
„Wie kommst du zu dieser unvernünftigen Annahme? Natürlich fühle ich mich angesprochen.“, antwortete der Mann, ohne den Blich von seiner Metallstange zu lenken.
„Kennst du denn gar nicht die Bedeutung eines Grußes?“, fragte der Vogel verstimmt.
„Ich fühle mich angesprochen, aber ich darf daraus nicht schließen, dass du mich magst; denn dann würde ich dir unterstellen, dass du denkst.“, antwortete der Mann in die Halterung.
Der Vogel legte den Kopf schief und dachte lange über die Antwort des Mannes nach.
„Aber ich habe mir das extra mühsam bei Deinesgleichen abgeguckt.“, piepste er schließlich. „Das war eine nette, freundliche Geste.“
„Viele Menschen legen tierisches Verhalten nach menschlichen Maßstäben aus. Das nennt man Anthropomorphisierung, die Vermenschlichung von Tieren, und es ist ein Problem, das nur in die Irre führt.“, antwortete der Mann in monotonem Vortragsstil.
Darauf wusste der Vogel nichts zu antworten.
„Wer bist du denn eigentlich?“, brachte er die Konversation nach einigen Minuten schließlich wieder ins Rollen.
„Ich bin Professor Dr. Dr. Med. Archibald Gregor Weber, leitender Dekan der Universität für Kosmologie mit Lehrstuhl an der medizinischen Fakultät.“
Der Vogel ließ sich diesen Wortschwall mehrmals durch den Kopf gehen und versuchte, sich den Namen zu merken, aber nach den ersten beiden Wörtern wurde alles immer mehr zu einem unverständlichen Brei, der ihn überforderte.
„Ich bin der Vogel.“, sagte der Vogel.
„Aha.“ Sagte der Professor.
„Was ist das?“, fragte der Vogel.
„Ein Teleskop.“
„Aber was ist das?“
„Der Begriff kommt aus dem griechischen, leitet sich von téle und skopéin ab und bedeutet so viel wie „fernsehen“. Es ermöglicht mir, das Firmament der Sterne in der westlichen Hemisphäre zu studieren.“
„Was heißt das?“
Der alte Professor seufzte müde, nahm seinen Blick aber immer noch nicht von dem Teleskop, als er antwortete: „Sterne. Man kann damit Sterne anschauen.“
„Du musst ganz schön schlau sein.“, stellte der Vogel bewundernd fest.
„Aus der Sicht eines Vogels muss jeder Mensch schlau sein.“, antwortete der Professor nüchtern.
Darauf wusste der Vogel wieder keine Antwort.

„Aber man kann Sterne doch auch einfach so anschauen.“, fing er einige Minuten später wieder an.
„Das Teleskop vergrößert die Sterne aber. Siehst du, hier ist eine Linse.“
„Aber dann hältst du das Sternenrohr ja falsch herum.“, antwortete der Vogel und wurde ganz aufgeregt, weil er das Gefühl hatte, etwas Schlaues erkannt zu haben.
„Vogel, siehst du Sterne am Himmel?“
„Nein.“
„Dann werde ich mir um diese Tageszeit wohl auch keine Sterne anschauen.“
„Aber was machst du dann den ganzen Tag mit deinem Sternenrohr?“
„Ich denke nach.“
„Über die Sterne?“
„Nein, über den Kosmos.“
„Aber du siehst den Kosmos doch gar nicht.“
„Menschen verfügen über zielbewusstes, abstraktes Denken. Wir müssen Dinge nicht sehen, um darüber nachdenken zu können. Die Fähigkeit zur semantischen, syntaktischen und pragmatischen Kommunikation ermöglicht uns diese Dimension des Denkens, denn durch die Sprache können wir uns die simple Reiz-Reaktionen der Tiere durch eigene Codierung ins Bewusstsein holen und vorsätzlich damit arbeiten.“
„Ich kann Landkarten in meinem Gehirn anlegen, mit denen ich aus jeder Richtung bis nach Afrika und zurück finde, und ich kann mir Verstecke von Essen merken!“, erzählte der Vogel stolz, der Spaß an diesem Austausch herausragender spezieller Fähigkeiten gefunden hatte, und plusterte sein Gefieder auf.
„Das ist schön, aber es kommt auf der Skala nicht besonders weit. Ich weiß, ich bevorzuge Lebewesen, die so denken wie wir, aber ich kann nun mal einfach nicht anders, als die Skala unwillkürlich so einzurichten, dass wir ganz oben stehen. Für Landkarten hat jedes kleine Kind ein GPS auf dem Handy. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich bin eine wichtige Persönlichkeit, meine Zeit ist rar und ich muss jetzt weiter über die wichtigen Fragen der Menschheit nachdenken.“
Der Vogel starrte den Glatzkopf fassungslos an, sein Gefieder wollte sich gar nicht mehr glätten bei all den schlimmen und beunruhigenden Denkanstößen, die der Professor in ihm ausgelöst hatte, ohne ihn während der gesamten Konversation auch nur eine Sekunde lang angeschaut zu haben.

Lange, sehr lange grübelte der kleine Vogel aufgeplustert vor sich hin, während ihm die Sonne auf das Köpfchen schien und der Wind sein glänzendes Gefieder streichelte. Keines von beidem schien der Mann auch nur bemerkt zu haben.
Dann schließlich wurde er mit dem Denken fertig und hatte sich seine Meinung gebildet.
Er kackte dem Professor auf die glänzende Glatze und schwang sich zufrieden in die warme Abendluft.




Das hier ist der Ursprung dieser Geschichte: Ein Aquarell der verehrten Frau Ahnungslos, die um Interpretationen dafür bat. Vielen Dank hierfür!

Advertisements

17 Gedanken zu “PHILOSOVOGEL

  1. Bin sprachlos mit Kniefall. Meine Güte was für eine Geschichte. Sie ist fantastisch. Waa bin ich froh, dass du nicht anders konntest. 🙂 Vielen Dank du Liebe und klar darfst du das Bild dazu stellen. Danke !
    Hab da vielleicht noch so n Bild :)))))

  2. Da werde ich ja gleich ganz rot bei so viel Lob! Vielen herzlichen Dank, das hat mir heute morgen ein breites Lächeln aufs Gesicht gezaubert, das sich selbst in den Vorlesungen noch erstaunlich lang gehalten hat 😉
    Ja, es hat mir eine lange Nacht beschert, mein Zeug danach noch fertig zu bekommen, aber manchmal muss das einfach sein. Mir fehlt das Schreiben sonst ab einem bestimmten Punkt einfach.

    Darauf freue ich mich jetzt schon! Ich hoffe mir fällt beim nächsten Bild etwas ein, das hier kam ganz ungeplant von alleine und so etwas lässt sich ja leider nicht steuern.
    Wenn nicht, genieße ich einfach schweigend. 🙂

      1. Ich freue mich darauf, es zu sehen! 🙂

        Ja, mir geht es genauso, ich kann nicht mehr alles lesen und schaffe es nicht selbst zu schreiben, das fehlt mir ziemlich. Vermutlich lässt sich da etwas machen 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s