IN DUBIO PRO REO

Lichtbogen

Laut hallen die Schritte in den weiträumigen Gemäuern nach, wenn man sie für sich hat, zurückgeworfen von abertausenden sandfarbener Fliesen und Säulen, zwischen denen sich bereits seit so langer Zeit Tränen, Freude und Verzweiflung die Luft teilen.

Es ist Studium in seiner elementarsten Form, das reine Streben, das in dem ursprünglichen Begriff noch mitschwingt.
Ich erinnere mich wieder an mein Latein, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es jemals wieder anwenden würde; jetzt erscheint regelmäßig ein kleines, zufriedenes Lächeln in meinem Mundwinkel, wenn der Professor einen Begriff fallen lässt, dessen uralte Bedeutung sich mir in etwa erschließt.
Ich habe einen langen Sommer hinter mir, fremde Städte, lange Nächte und Tage, deren Morgen bald der Mittag wurde.

Umso mehr flammt jetzt mein Arbeitswille wieder auf, von dem ich kurz befürchtet hatte, dass ich ihn irgendwann in den letzten Monaten versehentlich in einem Glas versenkt hatte. Völlig unbegründete Sorgen, wie sich herausgestellt hat.
Ich stecke meine Nase in Bücher, schreibe meine eigenen Skripte, weil es die Professoren nicht tun, und beobachte mit wachsender Zufriedenheit die Wanderung der Post-Its in meinen Arbeitsunterlagen und die wachsenden Stapel an beschrifteten Papieren auf dem Schreibtisch.

Manchmal lese ich Zeitung und erschrecke mich davor, dass ich das amerikanische Wahlsystem verstehe oder weiß, worum es geht, wenn der Bundesgerichtshof eine Entscheidung bekannt gibt.
Manchmal denke ich, ich muss völlig durchgeknallt sein, mir ellenlange Zusammenfassungen der wichtigsten Gesetze direkt neben das Bett tapeziert zu haben.
Manchmal sitze ich in Kinofilmen, in denen Robert Downey Jr. einen genialen Anwalt spielt oder habe in einer Vorlesung die überaus sympathische Frau Salesch vor mir, die über das Fernsehen quatscht, und werde von derselben Faszination gepackt, nach der jeder Arzt werden will, wenn er Scrubs gesehen hat.
Manchmal quälen mich Faulheit, Müdigkeit oder der Restalkohol der vergangenen Nacht zu sehr, um auch nur einen Finger zu krümmen.
Manchmal endet ein einfacher Restaurantbesuch mit einer Freundin aus dem 4. Semester damit, dass sie den Ladenbesitzer anzeigt oder mir einfällt, dass ich bis zu 30% Mietsenkung verlangen kann, wenn es meine Heizung nicht bald tut.
Manchmal schleppe ich mich morgens um 6:00 in mein Bett und bezweifle, dass ich mich für das Richtige entschieden habe, nachdem ich stundenlang mit einem begeisterten VWLer bei Gesprächen über das, was uns wirklich bewegt, in der Küche hängen geblieben und wieder zu lang darüber nachgedacht habe, ob meine Beweggründe ausreichen, diese Hölle durchzustehen.
Denn Jura ist eine Hölle. Man braucht nicht lang, um das zu bemerken.
Manchmal frage ich, was ich mache, wenn ich wie die höheren Semester später vor dem Staatsexamen ein paar Jahren Lebenszeit die Qualität so weit entziehen muss, dass ich in das bekannte Eat pray law verfalle und sich die Bibliothekswände, die Decke über meinem Bett und die tropfende Kühlschrankwand unwiderruflich in meine Netzhaut einbrennen, weil sie ausnahmslos das einzige sind, was ich noch zu sehen kriegen werde, und wo dann das Studentenleben bleibt, das mir gerade noch den nötigen Ausgleich liefert.
„Jules.“ Hat er gesagt, als er zurück in die Heimat ist, mich lange angesehen und die richtigen Worte gesucht, um die kurze Woche zu beschreiben, in der wir so wahnsinnig viel geteilt haben. Mit einem prüfenden Blick auf meinen Freund umarmt er mich schließlich doch ein zweites Mal.
„Mach auf keinen Fall nur wegen der Arbeit weiter, die du bis dahin reingesteckt hast.“, sagt er zu mir, bringt damit gleichzeitig viele Stunden Gespräche auf den Punkt und mich zum lächeln, weil er mich besser kennen gelernt hat, als ich dachte.
Manchmal denke ich mir, ich sollte schreiben, meinem Herzen folgen, Psychologie studieren oder Biologie; etwas, was mir leicht fällt, etwas für die Seele, etwas, was meinem Arbeitsdrang die letzte Motivation gibt für den höchsten Gang.

Aber manchmal bin ich mir sicher, dass das Recht die Welt regiert.
Manchmal weiß ich, dass ich keine Wahl habe, weil ich nur mit Jura dorthin komme, wo ich mich in einigen Jahren sehe, Hölle hin oder her.
Dann flammt meine Motivation wieder auf, denn sie muss wissen, wofür sie die ganze Arbeit investiert – wenn sie das weiß, kennt sie kein Halten. Sie sieht die Herausforderung und brennt.
In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Also kriegt das Recht seine Chance. Und die werde ich nutzen.

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