HORMONFLUT

Mein Herz pocht, ich spüre seinen Schlag deutlich in meiner Brust, dumpf, durchdringend. Mein Blut rauscht durch meine Adern, pulsierend. Dein heißer Atem jagt mir Gänsehaut über den Rücken, deine Küsse in den Nacken sind kaum auszuhalten, alles zieht sich zusammen.
Ich spüre deinen Blick von hinten, der sich mir erbarmungslos in den Rücken bohrt, der sechste Sinn reagiert wie bei höchster Gefahr, animalisch, als würde ich spüren, dass mich innerhalb der nächsten Sekunden etwas anfällt; und schickt spürbare Stoßwellen über den Rücken und den Nacken ins Hirn, die sich in den Rhythmus meinen Pulses einfügen; ein Urtrieb, der zum anderen findet.

Deine Hände sind heiß; deine ganze Haut ist heiß, als du mich sanft, aber bestimmt aufs Bett legst; Hände, die jetzt keinen Widerstand mehr akzeptieren wollen und können – als könnte ich welchen aufbringen.
Ich bin wie betäubt, berauscht, fasziniert von der Art, wie ich meinen Körper spüre, seine Lebensfunktionen, die Intensität seiner Reaktion, den hämmernden Herzschlag und die Wellen der Schauer, die hindurchlaufen.
Ich bin hormongesteuert, hormongeflutet. Begierig.
Wozu ist das gut, biologisch, in diesem Ausmaß?

Du greifst mir an den Hintern, ich stöhne, dein Blick brennt, ich spüre dein Verlangen, deine Hitze jagt mir bei jeder Berührung Gänsehaut über den ganzen Körper. Ich spüre dein Gesäß, spüre dich, fordernd. Du küsst mich auf die Brust, ich greife in deine Haare, dein Atem geht schwer und tief.
Deine großen, warmen Hände sind überall, halten mich fest, legen sich um meine Taille, du vergräbst deinen Kopf an meinem Hals, ich ertrinke überwältigt in deinem Geruch. Diese riesigen Hände. Ich registriere mit verschwommenem Blick, wie die ausgeprägten Muskeln auf deinem breiten Rücken zwischen den Schulterblättern arbeiten. Deine Haut pulsiert. Ich spüre, wie sich deine Muskeln am ganzen Körper zusammenziehen, als du dich schließlich weiter vorbeugst und mich vorsichtig, aber bestimmt mit einer Hand am Nacken packst. Du küsst mich liebevoll, nachdrücklich, legst unheimlich viel Druck und Inhalt in diese simple Berührung. Wir brauchen keine Worte. Wir atmen dieselbe Luft, ich atme deinen Duft.
Dir entfährt ein tiefes, lautes, raues Stöhnen, als du anfängst, mehr Tier als Mensch, das mir den Verstand raubt. Mir entfährt ein hohes Wimmern. Ich gebe mich dir hin, hormongeflutet, voller Verlangen, schmelze, zergehe unter dir.

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WOLVES

Two Grey Wolves Original Photo by Caninest under CC 2.0

 

Sein graues Fell komplett zerbissen
aber hält noch warm
sein Rudel unkontrollierbar
doch es folgt ihm brav

Der Hunger so groß
immer auf der Jagd
die Augen trüb
doch die Zähne noch scharf

Der Raum zu eng zum Atmen
doch auch die allerschärfsten Krallen werden stumpf auf der Straße
Vom Gamma zum Alpha vom Welpen zum Leitwolf
es gibt fast nur noch Wölfe verkleidet als Schafe

Und er geht immer der Sonne entgegen
bleibt in Bewegung
auch wenn sie nachts nicht scheint

egal wie kalt
egal wie weit
seine Beine ihn tragen

vielleicht holt er sie ein

 

Kontra K
Wölfe

KARMA

Photography by McKay Savage under CC 2.0

Er wollte heiraten, was blöd klingt in meinem Alter, in seinem aber durchaus einmal einen Gedanken wert, und außerdem die Wahrheit.
Ich habe ihn sehr geliebt, aber für mich war ein Ende immer selbstverständlich, wenn ich auch bis vor kurzem nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet habe, wann und wie dieses Ende kommen würde.

Ich sitze schon am PC, um ihm das nach meiner Frist endgültig mitzuteilen, da lässt eine kleine Nachricht auf meinem Handy den letzten Strick reißen. Aber mein Entschluss ist schon gefallen – das Richtige tun, ihn frei geben, fair sein, selbstlos sein. Die Entscheidung eben nicht von anderen Faktoren abhängig machen, nicht klammern, nur weil man nicht bekommt, was man stattdessen wollte. Springen, loslassen, auch wenn man danach alleine ist. Ihm zuliebe. Meinem Gewissen zuliebe.
Ich habe auf einmal Angst vor dem Alleinsein und kann nicht einschätzen, ob mich diese Angst mehr belastet oder die Tatsache, dass ich durch diese Beziehung jetzt zum ersten Mal überhaupt Angst vor dem Alleinsein habe, diesen feinen und doch so ausschlaggebenden Unterschied zwischen einsam und alleine auf einmal spüre. Leichte Panik steigt in mir auf, einen so großen Teil meines Lebens herauszureißen, um danach ohne alles da zu stehen, was ich als Plan B angesehen habe, so sehr ich mich dafür schäme. Einiges in den letzten Tagen hat mein Selbstbild bitter angeknackst.

Und obwohl sich alles in mir sträubt, für nichts die Sicherheit und das Vertrauen aufzugeben, die er mir grenzenlos gegeben hat, stellt meine Moral alles auf Autopilot und macht sich endgültig los, entscheidet sich gegen Egoismus und für Moral und Verantwortung.

Was folgt, ist ruhige Stille im Kopf, neutrale Leere. Ich warte auf irgendeine Form von Gefühlsausbruch, irgendeine Emotion oder eine Regung, aber bis auf die untergründige, sachliche Erkenntnis, alles aufgegeben zu haben, tut sich dort wenig.
Eine ganze Weile sitze ich so da, bis ich mir sicher bin, dass sich daran so schnell nichts mehr ändert, stehe schließlich auf, um mir in der Küche einen Tee zu machen, und stolpere über ein Arrangement aus Rotwein, Karotten mitsamt dekorativem Grün und einem gelben Zettel.

Ich muss die in grauenhaftem Italienisch verfasste Entschuldigung nicht lesen, um zu wissen, auf wessen Rechnung diese Besorgungen gehen.
Viel zu lange starre ich aus meiner nüchternen Gedankenebbe den dekorativen Haufen vor meiner Türe an, bis sich schleichend, ganz langsam ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet und sich die neutrale Leere in meinem Kopf träge mit einer dezenten Wärme zu füllen beginnt – aus meinem innersten Selbst, und gleichzeitig von einer ganz anderen unerwarteten Seite.

Ich habe freiwillig losgelassen in dem Glauben, ich würde dadurch nur verlieren, um das Richtige zu tun.
Ich habe geweint und gelitten, um fair zu sein, selbstlos.

Ich kann und will nicht an Gott glauben.
Aber aus dem Nichts ist Alles geworden, und indem ich aufgegeben habe, was ich wollte, nicht an mich selbst, sondern nur an ihn gedacht habe,  hat sich mein Sprung in die Tiefe zu einem unverhofften Neuanfang gewendet.

Der Schmerz ist nicht wiedergekommen, ebenso wenig die Leere. Die Wärme dagegen ist geblieben.
Wenn mich Leute fragen, wie es mir geht, glaubt der ein oder andere nicht, dass man nach einer solchen Trennung glücklich sein kann.
Aber ich bin glücklich; glücklich und vor allem selbstgenügsam, selbstbewusst. Aus allein ist nicht einsam geworden. Ich habe viel verloren, aber ich habe mich selbst zurück, und darüber hinaus unverhofft sogar um ein vielfaches mehr.
Manchmal, in solchen Situationen, bin ich mir fast sicher, dass es so etwas wie Karma geben muss.

HÖLLE

Drei Jahre fühlen sich an wie ein halbes Leben, wenn man zusammen erwachsen wird.

Man wird niemandem mehr so bedingungslos vertrauen, so nah sein wie der ersten Liebe, hat man mir gesagt.
Vor der ersten festen Beziehung kennt man keinen Trennungsschmerz, man denkt nicht an das Ende, man liebt und vertraut vorbehaltlos, ist mir klar geworden, und dass das nur beim ersten Mal so ist. Vielleicht ist es die falsche Entscheidung, ihn gehen zu lassen mit seinem endlos guten Herzen und seinem edlen Charakter, der der Grund dafür ist, dass ich bis heute nicht wirklich weiß, wie sich Eifersucht anfühlt.

Drei Tage fühlen sich jedenfalls an wie die Hölle, wenn man diesem Menschen in die Augen sieht und sagt, dass es nicht mehr geht.
Wenn man merkt, dass er zwar seit Wochen vorgewarnt war und es hätte wissen müssen, es aber schlicht und einfach nicht glauben konnte, und wie die großen braunen Augen auf einmal schwarz werden, als könnte man durch die Pupille beobachten, wie der Gedanke durch den Kopf sickert, dass es keine Hoffnung mehr gibt.
Einen Tag und eine Nacht haben wir zusammen geweint, bis wir vor Erschöpfung nebeneinander eingeschlafen sind.
Ich wusste nicht, dass man weinen kann, bis es weh tut, aber die Tränen hören trotzdem nicht auf zu fließen.
Einen Tag lang bin ich jeden Zentimeter in meinem Zimmer abgelaufen, weil ich nichts anderes tun konnte, nicht sitzen, nicht liegen, nicht denken.
Ich wusste nicht, dass Weinen irgendwann nicht mehr reicht, und man anfängt zu klagen, weil man es sonst nicht erträgt.
Ich habe es nicht mit und nicht ohne ihn ertragen, und am Ende war ich die Frage nach der Entscheidung so leid, dass ich gar nichts mehr entscheiden konnte.
Mir war nicht klar, was für eine Lawine ich auslösen würde. Ich war so daran gewöhnt, dass er immer da war, dass ich nicht gewusst habe, wie tief und wie viel ich herausreißen musste, um mich von ihm loszumachen.

Eine Nacht bin ich zu ihm gefahren, und abrupt war der Sturm im Kopf vorbei, der Schmerz weg, Stille im Geist. Selten habe ich mich so friedlich und ruhig gefühlt wie in diesem Moment.
Wir haben zusammen im Bett gelegen und einen Film geschaut, ruhig geredet, fast geflüstert, als könnte der Moment kaputt gehen. Wir haben das Buch mit den Fotos durchgeblättert, das ich ihm vor einem Jahr geschenkt habe, dann nachts um drei dem McDonalds-Drive-in einen Besuch abgestattet, wie wir es früher so oft gemacht haben.
Er war ruhig und gefasst, fast wie ein Fremder. Wir haben uns auf eine Art unterhalten, die uns vorher nie möglich war. Als würde ich einen neuen Menschen kennen lernen. Dann ein falsches Wort, und die Schlucht ist wieder aufgebrochen.

Drei Tage sind die Hölle in einer Welt, die man nicht mehr ohne den anderen kennt.
Weihnachten, hat sich als stille Frist in meinem Kopf eingepflanzt. Zwei Wochen Ruhe und Gedanken für sich selbst, auch wenn ich den Ausgang schon kenne.
Dann sitze ich im Auto und fahre zurück in das Leben, das ich jetzt führe, und es ist wieder Stille im Kopf.

DAILY ROUTINE

Dark Wood Grain

Photography by Brett Jordan under CC 2.0

Schlaftrunken und durchgefroren sind morgens um diese Uhrzeit die letzten drei Reihen des steilen Hörsaals der beste Anlaufpunkt, durch die Loge von der grellen Beleuchtung geschützt, in dämmriges Halbdunkel getaucht, wo einem der wohlbekannte, holzig-süße Geruch des frisch renovierten Holzmöbelars mit seinem speziellen Lack besonders in die Nase zieht;
dort hinten, wegen der Enge innerhalb von drei Minuten kuschelig in einem Jackenhaufen vergraben, lässt sich so ein Tag ganz gut anfangen.

Man ignoriert den Geruch von Kaffee, von dem man sich geschworen hat, gar nicht erst damit anzufangen, und bereits zu viele Wochen durchgehalten hat, um jetzt aufzugeben,
beobachtet mit einer müden, mittlerweile teilnahmslosen Unverständlichkeit den immer mit dem Hungertod kämpfenden Steroidtypen, der sich um diese Uhrzeit bereits an seine Tagesaufgabe macht, die traditionelle tägliche Tupperbox Reis mit Hühnchen von den Ausmaßen eines kleinen Aquariums innerhalb der nächsten Stunden leer zu schaufeln,
verdreht die Augen, wenn Macklemore wieder dreißig Dezibel zu laut und mit dem allzu gut bekannten, nervenaufreibenden, Tinnitus verursachenden Unterton von der letzten „big party“ anfängt,
und hält, sofern man der männlichen Kommilitonenhälfte angehört, Ausschau nach den beiden hübschen Blondinen, die, wenn man Glück hat, gerade das kurze Schwarze ausführen, während man darauf wartet, dass der Kreislauf in Schwung kommt.

Anna fragt mich etwas, was ich schon alleine vom Satzaufbau nicht verstehe.
„Gib mir ein paar Minuten, ich bin erst seit einer Viertelstunde wach.“, gähne ich und wecke meinen Mac, der mit einer vorbildlichen Arbeitsmotivation sofort sanft aufleuchtet.
Kurz darauf bekomme ich Besuch.
„Hallo, ich bin Sascha!“, begrüßt mich ein dunkelhaariger, Cordanzugträger mit strahlendem Lächeln, streckt mir seine Hand ins Gesicht, lässt sich auf den freien Sitz neben mir plumbsen und erhöht somit die Jacke-per-Sitz-Rate von gemütlich auf saunaähnlich.
Dann packt er seine Gesetzbücher aus, die er ganz businessmäßig in einem professionellen Schönfelder-Case mit Henkelchen mit sich herumträgt, um sie nicht zu beschädigen. Glücklicherweise studiert er weder Mathe noch Wirtschaft. Ich beschließe, ihm nicht den Tag zu versauen, indem ich ihm in einer Kosten-Nutzen-Analyse erkläre, dass die Relation zwischen zwei dtv-Gesetzbüchern, die zusammen keine 20 Euro kosten, und einem Ledercase für mindestens 80 Euro ökonomisch nicht so wahnsinnig vorteilhaft ist.

Mit der Ankunft des Professors kommt schließlich meine Arbeitsbereitschaft auf, die nach einem mir immer noch unbekannten inneren System auf Knopfdruck bereits nach wenigen Minuten Vorlesung den motivierten Mac heißlaufen lässt.
„Na sag bloß du schwänzt?“, simse ich Philipp, der in der Massenlandschaft fehlt.
„Niemals! Klassischer zu spät links außen.“, kommt zurück.
Ich schreibe ihm, er soll die Tickets nicht vergessen.
Sascha malt jeden Unterpunkt in einer anderen Farbe an. Das sind mittlerweile 6, weil wir bereits bei klein-doppel-a sind. Ich stiere auf seinen Aufschrieb.
„Wenn du nicht mit dem Laptop schreiben würdest, würde ich dir meine Stabilos anbieten!“, strahlt er, dann schickt er mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook.

Während vielleicht ein Viertel der Anwesenden völlig übermotiviert ist, fängt die Reihe unter mir an, Strichlisten zu führen, wie viele Köpfe schon auf den Tischen liegen.

Als ich zwischenzeitlich anfange, meine eMails zu checken, nickt Philipp in meine Richtung, ohne von seinem Handy hochzuschauen.
„Na Jules, schwächelst du?“
Ich stoppe auf meiner imaginären Armbanduhr die Zeit.
„Dreieinhalb Seiten um 9:15 Uhr. Ich liege gut in der Zeit. Wie weit bist du?“
„30.000 beim Poker. Tendenz steigend.“