HÖLLE

Drei Jahre fühlen sich an wie ein halbes Leben, wenn man zusammen erwachsen wird.

Man wird niemandem mehr so bedingungslos vertrauen, so nah sein wie der ersten Liebe, hat man mir gesagt.
Vor der ersten festen Beziehung kennt man keinen Trennungsschmerz, man denkt nicht an das Ende, man liebt und vertraut vorbehaltlos, ist mir klar geworden, und dass das nur beim ersten Mal so ist. Vielleicht ist es die falsche Entscheidung, ihn gehen zu lassen mit seinem endlos guten Herzen und seinem edlen Charakter, der der Grund dafür ist, dass ich bis heute nicht wirklich weiß, wie sich Eifersucht anfühlt.

Drei Tage fühlen sich jedenfalls an wie die Hölle, wenn man diesem Menschen in die Augen sieht und sagt, dass es nicht mehr geht.
Wenn man merkt, dass er zwar seit Wochen vorgewarnt war und es hätte wissen müssen, es aber schlicht und einfach nicht glauben konnte, und wie die großen braunen Augen auf einmal schwarz werden, als könnte man durch die Pupille beobachten, wie der Gedanke durch den Kopf sickert, dass es keine Hoffnung mehr gibt.
Einen Tag und eine Nacht haben wir zusammen geweint, bis wir vor Erschöpfung nebeneinander eingeschlafen sind.
Ich wusste nicht, dass man weinen kann, bis es weh tut, aber die Tränen hören trotzdem nicht auf zu fließen.
Einen Tag lang bin ich jeden Zentimeter in meinem Zimmer abgelaufen, weil ich nichts anderes tun konnte, nicht sitzen, nicht liegen, nicht denken.
Ich wusste nicht, dass Weinen irgendwann nicht mehr reicht, und man anfängt zu klagen, weil man es sonst nicht erträgt.
Ich habe es nicht mit und nicht ohne ihn ertragen, und am Ende war ich die Frage nach der Entscheidung so leid, dass ich gar nichts mehr entscheiden konnte.
Mir war nicht klar, was für eine Lawine ich auslösen würde. Ich war so daran gewöhnt, dass er immer da war, dass ich nicht gewusst habe, wie tief und wie viel ich herausreißen musste, um mich von ihm loszumachen.

Eine Nacht bin ich zu ihm gefahren, und abrupt war der Sturm im Kopf vorbei, der Schmerz weg, Stille im Geist. Selten habe ich mich so friedlich und ruhig gefühlt wie in diesem Moment.
Wir haben zusammen im Bett gelegen und einen Film geschaut, ruhig geredet, fast geflüstert, als könnte der Moment kaputt gehen. Wir haben das Buch mit den Fotos durchgeblättert, das ich ihm vor einem Jahr geschenkt habe, dann nachts um drei dem McDonalds-Drive-in einen Besuch abgestattet, wie wir es früher so oft gemacht haben.
Er war ruhig und gefasst, fast wie ein Fremder. Wir haben uns auf eine Art unterhalten, die uns vorher nie möglich war. Als würde ich einen neuen Menschen kennen lernen. Dann ein falsches Wort, und die Schlucht ist wieder aufgebrochen.

Drei Tage sind die Hölle in einer Welt, die man nicht mehr ohne den anderen kennt.
Weihnachten, hat sich als stille Frist in meinem Kopf eingepflanzt. Zwei Wochen Ruhe und Gedanken für sich selbst, auch wenn ich den Ausgang schon kenne.
Dann sitze ich im Auto und fahre zurück in das Leben, das ich jetzt führe, und es ist wieder Stille im Kopf.

DAILY ROUTINE

Dark Wood Grain

Photography by Brett Jordan under CC 2.0

Schlaftrunken und durchgefroren sind morgens um diese Uhrzeit die letzten drei Reihen des steilen Hörsaals der beste Anlaufpunkt, durch die Loge von der grellen Beleuchtung geschützt, in dämmriges Halbdunkel getaucht, wo einem der wohlbekannte, holzig-süße Geruch des frisch renovierten Holzmöbelars mit seinem speziellen Lack besonders in die Nase zieht;
dort hinten, wegen der Enge innerhalb von drei Minuten kuschelig in einem Jackenhaufen vergraben, lässt sich so ein Tag ganz gut anfangen.

Man ignoriert den Geruch von Kaffee, von dem man sich geschworen hat, gar nicht erst damit anzufangen, und bereits zu viele Wochen durchgehalten hat, um jetzt aufzugeben,
beobachtet mit einer müden, mittlerweile teilnahmslosen Unverständlichkeit den immer mit dem Hungertod kämpfenden Steroidtypen, der sich um diese Uhrzeit bereits an seine Tagesaufgabe macht, die traditionelle tägliche Tupperbox Reis mit Hühnchen von den Ausmaßen eines kleinen Aquariums innerhalb der nächsten Stunden leer zu schaufeln,
verdreht die Augen, wenn Macklemore wieder dreißig Dezibel zu laut und mit dem allzu gut bekannten, nervenaufreibenden, Tinnitus verursachenden Unterton von der letzten „big party“ anfängt,
und hält, sofern man der männlichen Kommilitonenhälfte angehört, Ausschau nach den beiden hübschen Blondinen, die, wenn man Glück hat, gerade das kurze Schwarze ausführen, während man darauf wartet, dass der Kreislauf in Schwung kommt.

Anna fragt mich etwas, was ich schon alleine vom Satzaufbau nicht verstehe.
„Gib mir ein paar Minuten, ich bin erst seit einer Viertelstunde wach.“, gähne ich und wecke meinen Mac, der mit einer vorbildlichen Arbeitsmotivation sofort sanft aufleuchtet.
Kurz darauf bekomme ich Besuch.
„Hallo, ich bin Sascha!“, begrüßt mich ein dunkelhaariger, Cordanzugträger mit strahlendem Lächeln, streckt mir seine Hand ins Gesicht, lässt sich auf den freien Sitz neben mir plumbsen und erhöht somit die Jacke-per-Sitz-Rate von gemütlich auf saunaähnlich.
Dann packt er seine Gesetzbücher aus, die er ganz businessmäßig in einem professionellen Schönfelder-Case mit Henkelchen mit sich herumträgt, um sie nicht zu beschädigen. Glücklicherweise studiert er weder Mathe noch Wirtschaft. Ich beschließe, ihm nicht den Tag zu versauen, indem ich ihm in einer Kosten-Nutzen-Analyse erkläre, dass die Relation zwischen zwei dtv-Gesetzbüchern, die zusammen keine 20 Euro kosten, und einem Ledercase für mindestens 80 Euro ökonomisch nicht so wahnsinnig vorteilhaft ist.

Mit der Ankunft des Professors kommt schließlich meine Arbeitsbereitschaft auf, die nach einem mir immer noch unbekannten inneren System auf Knopfdruck bereits nach wenigen Minuten Vorlesung den motivierten Mac heißlaufen lässt.
„Na sag bloß du schwänzt?“, simse ich Philipp, der in der Massenlandschaft fehlt.
„Niemals! Klassischer zu spät links außen.“, kommt zurück.
Ich schreibe ihm, er soll die Tickets nicht vergessen.
Sascha malt jeden Unterpunkt in einer anderen Farbe an. Das sind mittlerweile 6, weil wir bereits bei klein-doppel-a sind. Ich stiere auf seinen Aufschrieb.
„Wenn du nicht mit dem Laptop schreiben würdest, würde ich dir meine Stabilos anbieten!“, strahlt er, dann schickt er mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook.

Während vielleicht ein Viertel der Anwesenden völlig übermotiviert ist, fängt die Reihe unter mir an, Strichlisten zu führen, wie viele Köpfe schon auf den Tischen liegen.

Als ich zwischenzeitlich anfange, meine eMails zu checken, nickt Philipp in meine Richtung, ohne von seinem Handy hochzuschauen.
„Na Jules, schwächelst du?“
Ich stoppe auf meiner imaginären Armbanduhr die Zeit.
„Dreieinhalb Seiten um 9:15 Uhr. Ich liege gut in der Zeit. Wie weit bist du?“
„30.000 beim Poker. Tendenz steigend.“

NAPKINS AND LIQUOR

Photography by wikipedia under CC3.0-Licence

Für einen Moment bereuen wir es, die gemütliche Küche verlassen zu haben, um uns um Mitternacht noch einmal in die Kälte zu quälen. Zwischen Villen und teuren Autos orientieren wir uns an leisem Gelächter, dumpfer Musik aus der Ferne und Maias verblasster Erinnerung, die sich alle Straßen wieder in einem kurzen „XY hat hier letztes Mal hingepinkelt!“ äußert und damit bestätigt, dass wir richtig abgebogen sind. Wir landen auf einer Holztreppe, die mit beleuchteten Dielenstufen auf eine Art Gartenterrasse hinunterführt.
Männer im Businesslook stehen in kleinen Gruppen um hohe Cocktailtische und bündeln ihre Aufmerksamkeit in bewundernswerter Synchronität auf die beiden Damen, die gerade die strenge Geschlechtermonotonie rapide durchtrennt haben.
Unentschlossen beäugen wir die Meute, bis wir die Zweifel überwinden und mit kerzengeradem Hals die Treppe hinuntersteigen.
Maia stolpert über einen Bekannten, der uns mit Backenküsschen begrüßt und in Richtung der Glastür nickt, ohne etwas zu sagen, zündet sich eine Zigarette an und erntet keine Antwort auf die Frage, warum sie hierfür Mittwochnacht das Haus verlassen hätte. Braucht sie auch nicht, wie sich hinter der Glastüre herausstellt.

Der Boden ist lückenlos mit weißen Servietten bedeckt.
Männer in Anzügen und Frauen in Cocktailkleidern tanzen auf Restauranttischen.
Oscar begrüßt uns mit einem zufriedenen Grinsen, lässt Servietten regnen,
streckt mir eine Flasche Ouzo entgegen, springt von seinem Tisch, umarmt uns herzlich, bestellt Wein und verschwindet wieder.
Das nächste Mal treffen sich unsere Blicke auf Tischhöhe.
Wenn man die Stühle mitzählt, besteht die Tanzfläche aus drei Ebenen.
Weingläser, die keiner abgeräumt hat, regnen auf den Boden.
Jeder dritte Tisch schwankt weil baufällig besonders schön zum lauten Bass.
Wir landen in einer japanischen Reisegruppe, die Tequila ausgibt.
Ein Japaner versteht das Ebenenprinzip nicht
und verhängt sich horizontal zwischen zwei Tischen und einem Stuhl.
Die längste Tischreihe hinter den Säulen wird Oscars privater Dancefloor.
Weiße Servietten sind eine unerschöpfliche Ressource.
Der japanisch gesponserte Tequila auch.

Nie wieder an Oscar zweifeln.
Over and out.

IN DUBIO PRO REO

Lichtbogen

Laut hallen die Schritte in den weiträumigen Gemäuern nach, wenn man sie für sich hat, zurückgeworfen von abertausenden sandfarbener Fliesen und Säulen, zwischen denen sich bereits seit so langer Zeit Tränen, Freude und Verzweiflung die Luft teilen.

Es ist Studium in seiner elementarsten Form, das reine Streben, das in dem ursprünglichen Begriff noch mitschwingt.
Ich erinnere mich wieder an mein Latein, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es jemals wieder anwenden würde; jetzt erscheint regelmäßig ein kleines, zufriedenes Lächeln in meinem Mundwinkel, wenn der Professor einen Begriff fallen lässt, dessen uralte Bedeutung sich mir in etwa erschließt.
Ich habe einen langen Sommer hinter mir, fremde Städte, lange Nächte und Tage, deren Morgen bald der Mittag wurde.

Umso mehr flammt jetzt mein Arbeitswille wieder auf, von dem ich kurz befürchtet hatte, dass ich ihn irgendwann in den letzten Monaten versehentlich in einem Glas versenkt hatte. Völlig unbegründete Sorgen, wie sich herausgestellt hat.
Ich stecke meine Nase in Bücher, schreibe meine eigenen Skripte, weil es die Professoren nicht tun, und beobachte mit wachsender Zufriedenheit die Wanderung der Post-Its in meinen Arbeitsunterlagen und die wachsenden Stapel an beschrifteten Papieren auf dem Schreibtisch.

Manchmal lese ich Zeitung und erschrecke mich davor, dass ich das amerikanische Wahlsystem verstehe oder weiß, worum es geht, wenn der Bundesgerichtshof eine Entscheidung bekannt gibt.
Manchmal denke ich, ich muss völlig durchgeknallt sein, mir ellenlange Zusammenfassungen der wichtigsten Gesetze direkt neben das Bett tapeziert zu haben.
Manchmal sitze ich in Kinofilmen, in denen Robert Downey Jr. einen genialen Anwalt spielt oder habe in einer Vorlesung die überaus sympathische Frau Salesch vor mir, die über das Fernsehen quatscht, und werde von derselben Faszination gepackt, nach der jeder Arzt werden will, wenn er Scrubs gesehen hat.
Manchmal quälen mich Faulheit, Müdigkeit oder der Restalkohol der vergangenen Nacht zu sehr, um auch nur einen Finger zu krümmen.
Manchmal endet ein einfacher Restaurantbesuch mit einer Freundin aus dem 4. Semester damit, dass sie den Ladenbesitzer anzeigt oder mir einfällt, dass ich bis zu 30% Mietsenkung verlangen kann, wenn es meine Heizung nicht bald tut.
Manchmal schleppe ich mich morgens um 6:00 in mein Bett und bezweifle, dass ich mich für das Richtige entschieden habe, nachdem ich stundenlang mit einem begeisterten VWLer bei Gesprächen über das, was uns wirklich bewegt, in der Küche hängen geblieben und wieder zu lang darüber nachgedacht habe, ob meine Beweggründe ausreichen, diese Hölle durchzustehen.
Denn Jura ist eine Hölle. Man braucht nicht lang, um das zu bemerken.
Manchmal frage ich, was ich mache, wenn ich wie die höheren Semester später vor dem Staatsexamen ein paar Jahren Lebenszeit die Qualität so weit entziehen muss, dass ich in das bekannte Eat pray law verfalle und sich die Bibliothekswände, die Decke über meinem Bett und die tropfende Kühlschrankwand unwiderruflich in meine Netzhaut einbrennen, weil sie ausnahmslos das einzige sind, was ich noch zu sehen kriegen werde, und wo dann das Studentenleben bleibt, das mir gerade noch den nötigen Ausgleich liefert.
„Jules.“ Hat er gesagt, als er zurück in die Heimat ist, mich lange angesehen und die richtigen Worte gesucht, um die kurze Woche zu beschreiben, in der wir so wahnsinnig viel geteilt haben. Mit einem prüfenden Blick auf meinen Freund umarmt er mich schließlich doch ein zweites Mal.
„Mach auf keinen Fall nur wegen der Arbeit weiter, die du bis dahin reingesteckt hast.“, sagt er zu mir, bringt damit gleichzeitig viele Stunden Gespräche auf den Punkt und mich zum lächeln, weil er mich besser kennen gelernt hat, als ich dachte.
Manchmal denke ich mir, ich sollte schreiben, meinem Herzen folgen, Psychologie studieren oder Biologie; etwas, was mir leicht fällt, etwas für die Seele, etwas, was meinem Arbeitsdrang die letzte Motivation gibt für den höchsten Gang.

Aber manchmal bin ich mir sicher, dass das Recht die Welt regiert.
Manchmal weiß ich, dass ich keine Wahl habe, weil ich nur mit Jura dorthin komme, wo ich mich in einigen Jahren sehe, Hölle hin oder her.
Dann flammt meine Motivation wieder auf, denn sie muss wissen, wofür sie die ganze Arbeit investiert – wenn sie das weiß, kennt sie kein Halten. Sie sieht die Herausforderung und brennt.
In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Also kriegt das Recht seine Chance. Und die werde ich nutzen.