ENDSPURT

Tino springt leichtfüßig über das Stahlgeländer, landet fast lautlos auf der anderen Seite und lässt seinen Blick zufrieden über die Stadt schweifen.

Ich bleibe einen Moment auf dem Geländer sitzen, das trotz der dichten, weißen Wolkenschicht am Himmel seltsam warm ist, beobachte ihn und frage mich, wie man einen so großen Körper so elegant bewegen kann.
Sonnenstrahlen scheinen an einigen Stellen durch die dicke Wolkendecke und fallen in Streifen auf die Erde, die vermuten lassen, uns stünde ein Besuch von Jesus höchstpersönlich bevor, und der Wind ist lauwarm, obwohl es erst gestern noch schneidend kalt war. Ich liebe dieses verdammte Wetter.
Das Kies auf dem Dach knirscht, als ich mich neben Tino stelle, und er legt mir wortlos einen Arm um die Hüfte.
Ich muss an die vielen Male denken, die ich mit vielen Leuten, oft auch mit Tino, auf den Dächern solcher Baustellen stand, hoch über der Stadt, auf warmem Beton oder grobem Kies, zwischen dem Unkraut wächst, wie wir die Wände verlassener, nackter Betonbauten von innen bemalten, feuchter Lack auf rauem Stein und bunte Farben, wo sie niemanden stören, Tags an den Wänden, leere Dosen auf den Fluren, aufgestapelte Ziegelklötze und Holzplanken als improvisierte Bänke, auf denen wir saßen, rauchten und Musik hörten. Chris´ raues, tiefes Lachen, das durch kahlen Flure hallt, und Tinos zufriedenes Lächeln.

Er zündet sich eine Kippe an, bietet mir ebenfalls eine an, die ich dankend ablehne, aus Protest oder plötzlichem Prinzip, was weiß ich, demnächst hat sich das mit dem Rauchen für mich sowieso erledigt, und seufzt.
Nach einer ganzen Weile steige ich die kahle Betontreppe in der Mitte des Dachs runter, anstatt dort wieder runterzuklettern, wo wir rausgekommen sind, und komme in eine großräumige Etage, gefühlter siebter oder achter Stock. Ein einfacher Beton-Rohbau, keine Fenster, nur riesige Öffnungen, als ob in jedem Raum eine ganze Wand fehlen würde, unter denen es meterweit runtergeht.
Ich stehe mit verschränkten Armen an eine Wand gelehnt vor einer der Öffnungen und lasse meinen Blick über die Stadt schweifen, genau wie Tino vorher.
Er steht hinter mir.
Ich frage ihn, wann er nach Berlin zieht.
„Demnächst.“, antwortet er und nimmt mir damit einen großen Teil meines gerade erworbenen Glücks.
Demnächst klingt nach bald, viel zu bald.