SPANNUNGEN

Seine bodenhohen Balkonfenster stehen offen, die dünnen Seidenvorhänge wehen davor im Wind – ich habe keine Ahnung, warum er bei dieser Schweinekälte das Fenster aufgemacht hat, aber ich stehe davor und spüre es kaum, starre nur raus in die Dunkelheit, und genieße die Stille.

Ich höre ihn nicht kommen, spüre nur plötzlich, dass jemand hinter mir steht, leicht über mich gebeugt. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Chris ist.
Ich spüre seinen warmen Atem im Rücken, und auf einmal ist er näher an meinem Nacken, als das unter Freunden so üblich wäre.
Ich spüre meine kalten Finger kaum noch, lasse die Zigarette sinken, schließe die Augen, lege den Kopf in den Nacken. Ich atme zittrig aus, während ich mich frage, ob er es wohl merkt –
Er zieht den Kopf nicht zurück. Ich kann nur schätzen, wie viele Millimeter seine Lippen von meiner Haut trennen, vielleicht zwei, vielleicht drei… Ich zittere, ob vor Kälte oder wegen ihm kann ich nicht genau sagen.
Ich hab dieses widerliche Gefühl, ein uralter Instinkt, dass mich mein ganzer Körper anschreit, als ob mir gleich eine Bestie in den Nacken fahren würde, und mir laufen eiskalte Schauer die Wirbelsäule runter.
Seine Atmung ist flach, streicht warm an meinem Hals entlang, verursacht mir am ganzen Körper Gänsehaut, aber sein Körper bebt. Ich merke es, obwohl wir uns, streng genommen, nicht berühren.
Ich höre, wie er anfängt zu lächeln, dann spüre ich seine warmen Finger ganz sanft über meinen Hals streichen. Ich lege meine eiskalte Hand auf seine, ohne dass er vor der Kälte zurückschreckt, und verschränke meine Finger locker mit seinen.
Er schlingt mir den anderen Arm um die Taille und legt mit gebeugtem Kopf seine Stirn in meinen Nacken.
„Du solltest gehen.“, murmelt er. „Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber das hier ist schwieriger, als es aussieht.“
Ich drehe den Kopf leicht zur Seite, sodass ich aus den Augenwinkeln zumindest einen Schatten erkennen kann.
„Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig Angst du hast, dass ich irgendwann mal die Kontrolle verliere.“, sagt er leise.
„Du hast kaum was getrunken.“, erwidere ich.
„Das spielt kaum mehr eine Rolle.“
Wir sind doch eigentlich auch nur Tiere, wir Menschen.

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