10 WÖRTER: LUKE & LINNEA

Hallo ihr Lieben, ich bin heute über das Blog von Westendstories gestolpert, wo folgende Idee zum Gemeinschaftsschreiben in die zweite Runde ging: Jemand schlägt 10 Wörter vor, und jeder, der Lust hat, darf in 15 Minuten eine Geschichte schreiben, in denen diese unzusammenhängenden Terme vorkommen. Zugegeben, bei mir wurde es etwas mehr Zeit, aber auch das ist in Ordnung, wurde dort versichert 😉 Danke an Westendstories für die gute Idee!

 

Luke hat zu viel getrunken und weiß das auch; ein unangenehmer und ebenso ungewohnter Zustand für ihn, denn er setzt voraus, dass man über seinen Alkoholkonsum nachdenkt, und das ist seiner Meinung nach ein Job für Frauen. Männer führen keine Strichlisten über ihre Getränke, sie beschäftigen sich nicht mit dem Grad ihrer Trunkenheit, und schon gar nicht ist es einem Mann möglich, zu viel zu trinken.
Nie hat er sich Gedanken darüber gemacht. Sein Vater, ein wortkarger, kräftiger Mann, hat ihn so erzogen, und nie ist er in den vergangenen fünfunddreißig Jahren mit dieser Art der Weltanschauung irgendwo angeeckt, schon gar nicht bei sich selbst.
Er schämt sich vor sich selbst, schämt sich für seine Schwäche; dann wird er wütend, aber noch im selben Moment schämt er sich selbst für diesen Anfall sinnlosen Ärgers. Bitter liegt das Gefühl dieser Launenschwankungen auf seiner Zunge und mischt sich dort mit dem scharfen Brennen des Gins. Auch Launenschwankungen sind etwas, das Luke immer den Frauen zugeschrieben hat, aber je länger er darüber nachdenkt, desto härter trifft ihn seine eigene Unentschlossenheit und Unsicherheit, die ihn mit jedem Gedanken unschlüssiger herumtreibt.

Auf dem robusten Holztisch steht noch eine halbleere Kaffeetasse von diesem Vormittag. Linnea liebt Kaffe, ebenso wie den Blick in seinen Garten; oft sitzt sie, wenn sie bei Luke ist, an dem groben Holztisch, anmutig in einen ihrer geliebten Kaschmir-Schals gewickelt, und beobachtet fasziniert die Eichhörnchen und Hasen, die hier auf den Wiesen für die Landbewohner keine Seltenheit mehr sind. Sie ist das Land nicht gewohnt, und obwohl Luke in diesen Momenten besonders gern ihre zarte Schönheit bewundert, während sie träumerisch nach draußen starrt und ihn nicht bemerkt, ist ihm ihre seltsame Mischung aus Bewunderung und Distanz zum ländlichen Leben ein wenig suspekt. Es erscheint ihm weltfremd und unnatürlich, wie fixiert sie auf ihr Stadtleben ist.

Überhaupt – Linnea! Sie ist ihm so fremd wie kaum ein anderer Mensch auf dieser Welt.
Was sie genau arbeitet, weiß er nicht einmal, aber sie ist ständig dabei, in unmenschlicher Geschwindigkeit Romane auf ihrem Blackberry zu verfassen, diskutiert den halben Tag am Telefon Verträge aus, und wenn er sie in ihrem schwarzen Audi nachts mit zu sich nach Hause nimmt, stöckelt sie zwar in ihren unbezahlbar teuren, schwarzen Louboutin-Pumps ohne ein Zeichen der Beschwerde über die Einfahrt aus grobem Kies, aber er hört sie jedes Mal leise seufzen, wenn sie sie im Flur neben seinen Gummistiefeln aufstellen muss.

Wäschekörbe, Waschmaschinen, Reinigungsmittel und Geschirrtücher sind ihr fremd, ebenso die Funktionsweise einer gemeinen Küche, denn Linnea verdient bei Gott genug Geld, um Dinge wie Waschen, Kochen oder Besuche im Supermarkt von einer Haushälterin erledigen zu lassen – bisweilen fehlt ihr für beides ohnehin die Zeit, und Essen nimmt sie sowieso fast ausschließlich in Form von kleinen, teuren Snacks in ihren Lieblingsrestaurants um die Ecke zu sich. Zum Mitnehmen, versteht sich. Ebenso versteht sich, dass ihr weder Nudeln noch Pizza, geschweige denn Süßigkeiten auf den Teller kommen: Das einzige, was sie mehr hasst als Schokolade, sind die Ramones, womit Luke besonders schwer zu kämpfen hat, denn obwohl ihm deren Musik selbst nicht besonders gut gefällt, weckt sie immer wieder fast liebevolle Erinnerungen an seinen Vater, der sie sehr verehrt hat.

Wieder steigt Wut in ihm auf, die durch den Anblick der halbleeren Kaffetasse auf dem Tisch verstärkt wird.
Sie haben sich vorher gestritten, heftig gestritten: Linnea kann Lukes Art, zu leben, nicht nachvollziehen. Sie versteht nicht, warum er so abgelegen auf dem Land lebt und der harten Arbeit auf dem riesigen Gestüt und den endlos weiten Ländereien noch selbst nachgeht, obwohl er bei seinem Besitz genauso gut längst nur noch im Büro sitzen, Arbeiter herumkommandieren und Gewinne abrechnen könnte. Sie hat ihn als grob und anspruchslos bezeichnet, er sie als realitäts- und lebensfern, und damit brach ein Streit vom Zaun, dessen Heftigkeit alles überstieg, was Luke jemals an Emotionen freigelassen hatte.

Wie kann eine Frau dermaßen abgehoben sein? Zweifellos ist sie sehr intelligent, und Luke schätzt Intelligenz, aber wer benutzt schon Worte wie Massenkommunikationsdienstleistung, Übertragungsverodnung oder Tapetenabschlusskante im ganz normalen Alltag? Ganz zu schweigen davon, dass sie letzte Woche die Lage seines Hauses auf dem Hügel als pittoresk bezeichnet hat.
Was hat er jetzt davon? Einen völlig verdrehten Geist! Diese Frau überschwemmt mühelos den Felsen in der Brandung, als den Luke seinen Charakter immer gesehen hat, und stürzt seine sonst so ruhige, in sich gekehrte Art in Wellen von Zweifel und Unsicherheit über seine bisherige Weltanschauung.

Aber trotz all dem schafft er es nicht, sie zu hassen, im Gegenteil; er bewundert sie. Sie fasziniert ihn, und sie zieht ihn stärker an als jede andere Frau, deren Bekanntschaft er jemals gemacht hat.
Lukes neueste Anschaffung, ein Zebrafell, welches er sich nur für das Wohnzimmer angeschafft hat, weil sie es ästhetisch fand, landet mitsamt seinem Ginglas durch die Terassentür auf der Wiese im Garten.
„Scheißdreck!“, brüllt er ihm hinterher. Nie hat sie sich auf dem Küchentisch über seine Grobheit beschwert, wenn er sie zum Schreien gebracht hat, und im Bett nie über die Ausdauer und die Muskeln, die die „sinnlose“ Arbeit mit sich gebracht hat.
Aber er kann diese Frau nicht hassen, die ihn alle seine Prinzipien hat verwerfen lassen und die dafür gesorgt hat, dass er jetzt in der Küche steht und feststellt, dass er zu viel getrunken hat, dass er auf einmal Zebrafelle kauft, um das Wohnzimmer zu dekorieren und dass er sich zum ersten Mal von einer Frau ernsthaft den Kopf hat verdrehen lassen.

Wie aus Protest leert er den Rest des Gins in sich hinein und ruft sich schließlich fluchend ein Taxi, um Linnea einen Besuch abzustatten. Er wird mit ihr reden müssen, nachdem er sie zum hundertsten Mal zum Schreien gebracht hat, und dann wird er sich endlich eingestehen müssen, dass er sie liebt.
Und das Zebrafell wieder aus dem Regen holen, gleich am nächsten morgen.

GOLDEN WELCOME

Sonnengeflutet wache ich auf, mein milchig-weißer Vorhang leuchtet, golden glänzen die freien Streifen dazwischen.
Ich seufze zufrieden und blinzele ins Licht, fahre mit den Fingern über den weichen, warmen Stoff, genieße den Geruch frisch gewaschener Bettwäsche. Ich räkele ich mich friedlich in dem exklusiven Luxus, das erste Mal seit zwei Wochen in meinem eigenen Bett ausschlafen zu können.
Zufrieden brummend streiche ich mir die langen Locken aus dem Gesicht, die im hellen Sonnenlicht fast golden leuchten.
Erinnerungen der letzten zwei Tage kommen auf, unwillkürlich muss ich lächeln. Als ich die dicke Bettdecke ein Stück zur Seite schiebe, um nach meinem Handy zu greifen, spüre ich den Muskelkater von gestern immer noch lähmend in den Schultern, nach wie vor ohne eine Ahnung, woher er eigentlich kommt, und auch der leichte Kater, der sich seit Samstagmorgen durch mein Wochenende gezogen hat, hat mich noch nicht verlassen –
aber nichts davon kann meine Laune trüben.

Bilder ziehen vor meinem inneren Kopf vorbei, einzelne Äußerungen und Gespräche, Momente, einträchtige Gemeinsamkeit.
Eine Nachricht meines Freundes, die mich auf meinem Handy erwartet, erinnert mich schließlich doch an den einzigen Konflikt der letzten zwei Tage, und belegt meine verträumte Stimmung dann doch mit einem Hauch von nachdenklichem Schuldbewusstsein, aber auch einem beharrlichen Gefühl von Ärger.
Er ist wegen seiner Klausuren zum Semesterende dieses Wochenende nicht gekommen und hat mir das die letzten drei Tage nicht boshaft, aber in einem Ton, aus dem ich unterschwellige Vorwürfe herausgelesen habe, immer wieder unter die Nase gerieben. Als wären seine Klausuren meine Schuld; mein eigenes Abitur steht an.
Ich war das ganze Wochenende unterwegs, und er weiß das.
Zwischendrin kamen ständig Nachrichten, wie sehr er mich vermisse, dass ihm langweilig sei und er nicht mehr alleine schlafen wolle und könnte.
Das Problem war – während er scheinbar eines der langweiligsten, trübseligsten Wochenenden seit langem hatte, hatte ich eines der schönsten.

Die Sache ist die; Egal, wie oft Johannes das infrage stellt, es macht verdammt nochmal einen Unterschied, ob man mit seinem Freund unterwegs ist oder nicht, wenn man mit Freunden herumhängt, die er zum Zeitpunkt des Beziehungsbeginns weitaus besser kannte als man selbst.
Wer weiß, wie die Dinge gelaufen wären, wäre diese Beziehung nicht oder zumindest später zustande gekommen.
Ich will nicht als seine Freundin „akzeptiert“ werden – ich habe diese Leute so sehr ins Herz geschlossen, und ich möchte genauso wegen meinem eigenen Charakter gemocht werden.

Und dieses Wochenende war nach allem, was wir schon zusammen erlebt haben, der endgültige Beweis dafür, dass das absolut der Fall ist.
Das Traurige ist – diese Leute passen genau in das Schema meines liebsten Freundeskreises, und solche sind selten zu finden. Allein am Freitagabend fielen genug Kommentare, die zeigen, dass ich problemlos ein Teil davon geworden wäre beziehungsweise längst bin, solange mein Freund nicht dabei ist, ich wusste immer, dass ich da hineinpasse, das macht die Erfahrung – aber sobald er wieder da ist, wird er irgendwie wieder dazwischen stehen, vielleicht immer.
Es macht einfach einen wahnsinnigen Unterschied.

Ich denke an Navy, der beim Weggehen gewissermaßen die Rolle meines Freundes übernommen hat, auf mich „aufzupassen“ – Navy ist ein wandelndes Rätsel für mich, welches sich ebenfalls ausschließlich in Abwesenheit meines Freundes im Laufe der Zeit immer wieder stückweise ein bisschen geöffnet hat.
So viel der letzten zwei Tage geht mir nicht aus dem Kopf.
Ich greife nach meinem Macbook und suche mit ein paar Liedzeilen, die mir im Kopf geblieben sind, den Song, den er gestern Nacht während der Rückfahrt laufen ließ, als er mich heim gefahren hat. Es überrascht mich nicht, dass er von F.R. stammt, im Grunde habe ich die Stimme sofort erkannt.
Achja. Was wäre aus uns allen geworden, würde es meine Beziehung nicht geben? Es ist ein Gedanke, der mich nicht loslässt, aber der sich auch unermüdlich im Kreis dreht und jeglichen mögliche Lösungsansatz immer mehr verschwimmen lässt, je mehr ich darüber nachdenke.

GENTLE GLOW

Du folgst mir durch den dunklen Flur, findest mich in meinem dunklen Zimmer wieder, wie ich, dem Bett zugewandt, gerade mein Oberteil gegen ein anderes tauschen will, damit wir gehen können, nur von hinten von dem warmen Aquarienlicht beleuchtet.
Du stellst dich hinter mich; ich halte in der Bewegung inne, als du die Hände um meine Taille legst, das Top nur noch vor dem Körper über den Armen.
Du küsst mich auf den nackten Rücken, die Schulterblätter, sanft und warm, bis zum Hals;
Ich drehe mich zu dir um, fahre dir mit den Fingern durch die weichen, dunklen Haare, schaue dich liebevoll an, schüttle den Kopf, und küsse dich, wie man jemanden küsst, der gerade schmerzlich etwas verloren hat, was ihm wichtig war, und der einem so wichtig ist, dass es wehtut, das in den Augen zu erkennen.
Dieser Geruch, diese Wärme. Diese Stille. Trotz dem unschönen Verlust, der über uns hängt, der die Stille macht, ist die Gefühlsintensität dieses Momentes überwältigend.
Mein Liebling, ich komme nicht umher, mich zum tausendsten Mal zu wundern, über welch einen Zeitraum ich es nicht geschafft habe, genug von dir zu bekommen.

JAGDSAISON

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal beim Anblick von getippten Buchstaben so Herzklopfen hatte, das ist übertrieben und bescheuert, aber es wird schlimmer, je mehr ich darüber nachdenke.
Ich hatte so Glück, verdammt. Das ist Runde 2, und sie hat Potential zu einem entscheidenden Vorteil – du hast etwas in mir wiedererweckt, was vor einem guten halben Jahr mal dumpf durchgeschimmert, aber nie durchgebrochen ist.
Ich lache über meine eigene Berechenbarkeit.
Das kommt dem typisch Klischeehaften für meine Verhältnisse wunderbar nah.
Ich sehe dich bei Facebook Nachrichten eintippen, die du mir nicht schickst, teilweise zwei, drei Versuche, und grinse dabei über beide Ohren. Ich lese mir manche deiner Nachrichten zweimal durch. Ich genieße es, zu merken, dass ich in dir ungeahnte Unsicherheiten geweckt habe, und gleichzeitig ist die Sympathie ganz klar bemerkbar.
Noch steht nichts fest, aber du gefällst mir immer besser, und ich schwelge in dem Gefühl, dass meine Passivzeit fürs erste vorbei ist. Das war das Appell für die Jagdsaison.