BJÖRN

Das Dach ist trocken und warm von der Sonne, obwohl es noch vor wenigen Stunden sintflutartig geschüttet hat.
Ich genieße unendlich die warme Abendsonne auf der Haut, den milden Wind, der einem durch die Haare fährt und sie in der Sonne leuchten lässt.
Björn und Navy unterhalten sich, aber das Gespräch driftet in meinen Gedanken zu einem tiefen, gedämpften Rauschen ab, während mein Blick über die unendlich scheinenden, goldenen Weizenfelder unter uns schweift. Sie sehen im Wind aus wie ein endloses goldenes Meer, schlagen Wellen mit den Böen, als befinde man sich auf hoher See.

Dieses goldene Schimmern in der Luft, dieses unbeschreiblich warme, weiche Licht – das Licht ist hier am frühen Abend anders als in der Stadt, kräftiger. Wärmer.
Manchmal kommt mir schon die kurze Fahrt aus der Stadt zu Björns Haus auf dem Hügel vor wie eine Pilgerreise an der Küste Spaniens, nicht von der Anstrengung her, aber von der Wirkung aufs Gemüt. Es erfüllt mich jedes Mal mit Friedlichkeit, wenn ich komme, und mit dem unbestimmten Drang, bis zum letzten Sonnenstrahl zu bleiben, wenn ich am frühen Abend schon wieder weitermuss.

Björn ist warm und gutmütig wie diese Abendstimmung.
Trotz seiner offensichtlichen etwas verrückten und bisweilen ungeschickten Art, seiner Faulheit und seiner Veranlagung, sich bei fast allem, was er tut, versehentlich körperlich zu verletzen, strahlt er untergründig eine Bodenständigkeit und Ernsthaftigkeit aus, die viele an ihm nicht bewusst erkennen, aber unterbewusst als sehr angenehm empfinden.
Sein ganzes Wesen wirkt aufrichtig und vorbehaltlos. Er hat eine Vorliebe für skurrile Dinge, ist aber gleichzeitig ein genügsamer Mensch, ebenso leicht für Dinge zu faszinieren wie ich, was mit Sicherheit einer der Gründe ist, weshalb ich so viel mit ihm unterwegs bin. Björn ist offen für alles. Diese positive Lebenseinstellung, die einfache Freude an einfachen Dingen, lässt ihn in jedem Kreis automatisch gute Laune verbreiten-
Er hat etwas Nordisches mit seinem blonden Bart, den hellen, kurzgeschorenen Haaren und den klaren, blauen Augen, deren Geistestiefe von vielen unterschätzt wird.
Aber wer Björn kennt, wirklich kennt, der muss sich einfach in diese ehrliche Gutmütigkeit verlieben.

Erst nach dem dritten Versuch sickert durch meinen gedankenverlorenen Verstand, dass Navy mich gerufen hat und mir eine brennende Zigarette entgegenhält. Ich nehme sie ihm ab und lächele ihn dankbar an.
Ich bin endlos motiviert für meinen Umzug und das Studium, und trotz der vielen Erinnerungen und Freunde hier gibt es erstaunlich wenig, was dieser Vorfreude wirklich eine Grenze setzt – Björn und Navy jedoch gehören definitiv dazu.
Tino und Chris sind vor gut zwei Jahren weggezogen, um sich in die Weltgeschichte zu stürzen – dieses Mal bin ich damit dran, Freunde und meine Heimat dafür hinter mich zu lassen.
Ich bin bereit, absolut. Aber diese beiden werden mir wahnsinnig fehlen.

Advertisements

MURPHYS

„Du hast total abgenommen!“, bemerkt Navy und grinst sein breites, charmantes Navy-Lächeln.
Das Mädchen, dessen Name ich entweder nie erfahren oder vergessen habe, lacht und weist ihn darauf hin, dass das ebenfalls ein Fettnäpfchen gewesen sei. Sie ist nett, aber auf den ersten Blick der Inbegriff des Vorurteil-Mädchens, wie sie da mit den Händen zwischen den Schenkeln sitzt und ihn unsicher anschmachtet. Ich hege sofort amüsierte Sympathie für das arme Ding.
„Weißt du, bei Frauen ist das so: Wenn du Ihnen sagst, sie hätten viel abgenommen, hören sie nicht: `Glückwunsch, du bist schlanker geworden!´, sondern: `Du warst mal fett.´“, erklärt sie.
Navy wirft mir einen kurzen Blick zu. Ich räuspere mich und schäme mich leise für meine Geschlechtsgenossin in meinen Bierkrug. Langsam geht mir das hier jetzt schon um einiges zu weit: Wie kann man so dem Vorurteils-Prototypen des unsicheren Weibleins entsprechen?
„Irgendwie hat er ein Talent, Leute zu beleidigen, ohne es zu wollen.“, erklärt sie mir.
Navy verzieht das Gesicht in Anbetracht der Tatsache, dass sein dritter Versuch, nett zu ihr zu sein, nach hinten losgegangen ist.
Das Mädchen sitzt ihm gegenüber, ich mit ihm auf einer Bank, allerdings mit Abstand, und sie deutet meine Zurückhaltung während des ganzen Gespräches scheinbar als Zeichen, dass ich die Runde nicht gut kenne und quasi zur Deko gehöre.
„Achso.“, antworte ich amüsiert. „Danke für die Warnung.“
„Und er hat einen Riecher für Fettnäpfchen. Um dann mitten rein zu treten.“, fährt sie fort.
„Murphy´s law. Alles, was schief gehen kann, geht schief.“, kommentiere ich, passend zum kulturellen Rahmen des Irish Pub, in dem wir gelandet sind.
„Jungs haben es so viel leichter als Mädchen! Die schauen morgens in den Spiegel, sagen sich einmal, wie toll sie sind, und los geht´s. Bei uns ist das morgens immer ein ewiges Gejammer: Meine Haare sehen blöd aus, mein Kleid sitzt nicht, die Schuhe passen nicht dazu.“, meint sie. „Dabei hänge ich so viel mit Kerlen herum! Eigentlich sollte man davon doch irgendwann auch lässiger werden.“
„Dann hängst du nicht genug mit Kerlen herum.“, kommentiere ich vorsichtig in mein Bierglas.
Sie schaut mich etwas verwirrt an. Björn tut es mir nach und steckt ebenfalls den Kopf in sein Glas, um ein Lächeln zu unterdrücken.
Navy ist so lieb zu ihr, obwohl er offensichtlich keine große Ahnung davon hat, wer sie eigentlich ist, dass ich richtig gerührt bin und nichts Falsches sagen möchte. Ich überlege, wie ich ihr am freundlichsten erkläre, dass solche Krisensitzungen vor dem Spiegel für mich nicht existieren; aber bevor mir etwas einfällt, legt mir Navy einen Arm auf die Schulter und erklärt ihr lächelnd:
„Jules hier ist was ganz besonderes, die hängt so viel mit uns rum… die macht sich wegen so etwas echt keinen Stress mehr.“
Ich kann mir genau vorstellen, was sie an unseren Tisch gebracht hat. Navy kam von der Toilette und wurde von irgendetwas angesprungen, was sich vorgestellt und sich so gefreut hat, ihn zu sehen, dass er sich wohl gedacht hat, dass er sie auch irgendwie kennen müsste, und dann ging das Geratter im Kopf los, um wen es sich da handelt.
Genauso langsam und mühsam fängt es jetzt in ihrem Kopf an zu Rattern, bis man auf einmal in ihren Augen ein Licht aufgehen sieht, weil zu ihr durchgedrungen ist, dass ich ihn um einiges besser kenne als sie.
„Dafür siehst du aber ziemlich girly aus.“, bemerkt sie schnippisch.
„Danke!“, antworte ich freundlich lächelnd und nehme das Kompliment einfach mal so hin.
Das Gejaule der betrunkenen Studenten, die im großen Raum nebenan Karaoke singen, wird penetranter.
„Ich liebe Karaoke.“, schwärmt das Mädchen.
„Ich hasse Karaoke.“, sagt Navy.
„Naja, ich denke, ich muss jetzt dann demnächst mal wieder ´rüber zu meinen Leuten.“, sagt sie und steht auf.

„Woher kennst du sie?“, frage ich, als sie weg ist.
„Ich habe keinen blassen Schimmer.“, gibt mir Navy mit starrem Blick auf die Türe die erwartete Antwort, und bestätigt kurz darauf gleich den zweiten Teil meiner Vermutung: „Irgendwann hab´ ich das Gesicht wiedererkannt, aber sie sah früher ganz anders aus, doppelt so breit und mit längeren Haaren. Sie ist mir an der Bar entgegengesprungen wie ein Floh, und da kann man ja nicht einfach sagen `Hey sorry, aber ich hab keine Ahnung, wer du eigentlich bist.´“.
„Das wäre auf jeden Fall ein ziemliches Fettnäpfchen.“, grinst Björn, und fängt sich die Steigerung des nicht begeisterten Blickes ein, den ich gerade noch abbekommen habe. „Auf Murphy´s Gesetz!“

ELEMENTAR

Wir sitzen nebeneinander auf dem Balkon, er raucht, und lassen uns die Sonne aufs Gesicht scheinen, die man seit Wochen so selten mal für ein paar Minuten zu sehen bekommt. Sie tut gut nach der durchzechten Nacht.
Ich schweige, weil ich ihn kenne; er hasst überflüssiges Gerede wie die Pest, wenn Leute meinen, Smalltalk betreiben zu müssen, weil sie die Stille nicht aushalten.

„Jules, was ist los?“, fragt er.
Ich lächele. Entgegen meiner Erwartung bin ich weder überrascht, dass er redet, noch, dass er gemerkt hat, dass ich nachdenklich war vorher; denn wenn ich darüber nachdenke, ist er eigentlich wesentlich sensibler für Situationen, als er immer tut.
„Erinnerst du dich an deinen Vorschlag letztes Wochenende, irgendwann im Sommer einen Wohnwagen zu mieten und ein paar Tage herumzureisen? Irgendwohin zu fahren, völlig egal wohin; vielleicht ans Meer, an die Küste.“
Der Gedanke erfüllt mich mit Wärme. Etwas Ähnliches wäre nicht das erste Mal, und ich weiß genau, wie das ablaufen würde; Wir würden endlos wandern, viel laufen, baden gehen an menschenleeren Stränden, abends auf den Klippen sitzen und rauchen, uns den Sonnenuntergang anschauen. Wir würden irgendwo Wein kaufen, trinken und lachen. Wir würden Feuer machen, wir würden alles machen; diese Leute in Kombination sind genau dafür wie geschaffen.
Wir würden uns ein paar Tage lang eine eigene Welt zusammenbasteln, rau und elementar, unverfälscht, geerdet.
„Natürlich erinnere ich mich.“ Er lächelt, auch ihm scheint der Gedanke nach wie vor zu gefallen.

Ich überlege, ob ich ihn auf etwas anderes ansprechen soll – ein Gedanke, der mir plötzlich kam beim Betrachten eines alten Bildes – , dass ich das Gefühl habe, mein Freund hätte sich verändert, und dass ich mich unter anderem in Eigenschaften verliebt habe, die bereits bei unserem Kennenlernen sehr weit bei ihm zurückgegangen waren. Das hatte kaum einen Einfluss auf die Zuneigung, weil es so langsam ging und von Anfang an nur noch schattenhaft an ihm auszumachen war, aber im Nachhinein war es mir irgendwie wieder aufgefallen.
Ich wollte ihn das sowieso fragen, weil er ihn schon so lange kennt; aber ich finde, dass das nicht der richtige Moment ist.

Ohne meinen Freund erwähnt zu haben, scheint er erahnt zu haben, an was ich denke, denn er zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette, der Tabak knistert, dann drückt er den Stummel in einem kleinen Ton-Blumentopf aus, der irgendwann zum Aschenbecher umfunktioniert wurde.
„Sagt er dir manchmal, wie schön du bist?“, fragt er auf einmal, völlig aus dem Kontext gerissen.
Ich schaue ihn an, suche in seinem Blick nach einem Anzeichen von Zynik, wie er früher besonders und auch heute noch manchmal Gespräche mit solchen scheinbar sinnlosen Bemerkungen beendet, um zu zeigen, dass ihm das keinen Millimeter unter die Haut geht; aber er scheint das ernst zu meinen, auch wenn er den Blick recht schnell wieder senkt.
„Also ich meine, ob er begreift… was er hat?“
Ich lache, aber nicht über seinen Versuch, sich auszudrücken, sondern liebevoll über seine Sensibilität.
„Er sagt es oft, ja.“, antworte ich. Was für eine Frage. Ich bin fasziniert von der Tiefe ihrer Bedeutung, und merke gleichzeitig, dass ich sie nicht beantworten will – und kann.
„Man erfasst sich selbst nie so, wie es andere tun.“, murmele ich.
Mir schießt durch den Kopf, dass mein Freund mich definitiv anders begreift als ich selbst, und dann höre ich mich sagen:
„Ich glaube, du begreifst dich nicht in deiner vollen Dimension. Oder du willst nicht, dass es andere tun.“
Er schaut mir in die Augen, kurz, aber intensiv – ein Moment, der mir klar macht, wie selten wir uns eigentlich wirklich anschauen – und auf einmal wird uns die gegenseitige Wertschätzung in beiden Aussagen bewusst, trotz der vielen Ironie und der schiefen Kommentare, die, wahrscheinlich aus Unsicherheit, früher häufig und auch heute noch immer wieder aufgekommen sind.

Wir sollten alle zusammen wegfahren, an die Küste.

BEFLÜGELT

Couch und Sessel bilden einen Kessel um den riesigen Fernseher und schließen den Boden, von dem vor lauter Fatboys und Decken kein nackter Zentimeter mehr zu sehen ist, zu einer friedlich-gemütlichen Insel ein, flankiert von Bierkästen, Flaschen, Müll, Essensresten und allem, was sonst noch an diesem Wochenende unaufgeräumt geblieben ist.

Party am ersten Abend, zwei Partys am zweiten, wir haben uns auf der einen getroffen und sind dann wieder abgehauen, die eine Hälfte wollte um kurz vor zehn noch Bier beschaffen, während wir bei mir zuhause noch meinen Kram geholt haben.
Navy hat vor Freude gebrüllt, als wir kurz darauf mit zwei prall gefüllten MC-Tüten wieder vor der Tür standen, die wir auf der Fahrt für ein kleines Vermögen haben mitgehen lassen.
Dass sie kein Bier mehr bekommen haben, ist eine Minute lang ein Desaster, dann werden optimistisch Reste aus den umstehenden fünf Kästen gesucht, die sich am Ende dann doch noch zu einer annehmbaren Menge auf dem Küchentisch zusammenfinden, und der ganze Spaß kann wieder von vorne losgehen.

Ich bin glücklich. Aber das ist weder neu noch alles; Ich bin voller Vorfreude, beflügelt.
Entfernungen haben keinen Wert mehr, wir sind pausenlos unterwegs.
Die letzten Wochen bis zum Abitur sind eine Aneinanderreihung von spontanen Aktionen, die Langeweile überhaupt gar nicht erst aufkommen lassen – eigentlich war man krank und wollte sich auskurieren, aber am Freitag kommt die Einladung rein, eins führt zum anderen, und am Ende sitzt man in der tiefsten Samstagnacht immer noch nicht im eigenen Zuhause, sondern ist nach pausenlosem unterwegs-sein der müdeste, aber auch glücklichste Mensch der Welt mit der richtigen Gesellschaft vor einem riesigen Fernseher.
Es geht um die richtigen Leute. Die richtige Einstellung. Das Bewusstsein, dass einfach alles möglich ist.
Es ist perfekt.

Wir reden kaum, schauen Videos von Spielen an, die demnächst rauskommen, kommentieren, teilen Decken. Der Fernseher wirft als einzige Quelle warmes, weiches Licht in den Raum. Es ist unendlich friedlich.
Draußen kann sich uns anschließen wer will, wenn es morgens langsam hell wird landet doch der kleine, hartgesottene Kreis beieinander, bekannt und vertraut, reibungslos eingespielt. Ich denke an all das Zeug, das wir schon zusammen erlebt und verbrochen haben, und grinse mit müdem Lächeln in die Runde.
Ich bin nicht sorgenfrei, meine bisher größte Prüfung, mein Abi, steht mir noch bevor, und mein Anspruch macht mir das Leben schwer, aber solche Wochenenden machen es wieder leicht – und einen dann doch irgendwie wieder unerwartet gesund.
Es gibt nichts Besseres, als ab und zu bei dem ganzen Gelerne feiern zu gehen, um sich nach so einem Wochenende am Montag tiefenentspannt wieder an die Arbeit zu machen, während alle anderen pausenlos zu lernen scheinen und dabei die Krise kriegen.

Ich bin unendlich motiviert, beflügelt.
And the best ist even yet to come.

CORE

Wir rennen barfuß kreuz und quer über eine vom Tau nasse Wiese, umzingelt von Leuten, die ich nicht kenne, aber deren Persönlichkeiten mir bekannt vorkommen, alles wirkt verschwommen.
Der Weg führt uns um einen Haufen Sperrmüll, um Tische, die mit Tüchern verhangen sind, der Boden ist nass, lehmig und rutschig. Leute brüllen uns irgendetwas zu, und der Ton ist freundlich, obwohl die Worte es nicht sind; Über uns dröhnen immer wieder die Rotoren einer riesigen Formation Düsenflieger, die Bomben über uns abwerfen.
Die Leute wollen uns umbringen, haben die Wiese wie ein menschliches Schild umstellt, lassen niemanden zwischen ihnen fliehen.
Irgendwann habe ich mich durch den Sperrmüll gegraben, kauere unter einem kleinen, quadratischen, verhangenen Tisch, zähle nach jeder Runde der Formation die Sekunden, bis aus dem pfeifenden Geräusch fallender Bomben der Lärm ihres Aufschlags kommt und alles erbebt.
Ich weiß irgendwie, dass ich überleben werde, warte nur darauf, dass es aufhört, dass dieses Pfeifen und das Beben aufhört. Ich bin wach und konzentriert, aber ruhig und friedlich.
Sie werden mich vergessen. Zwischen dem Sperrmüll bin ich sicher, solange sie mich für tot halten.

Ich luge irgendwann vorsichtig zwischen dem Stoff hindurch, der um meinen Tisch gespannt ist, und sehe Core mitten auf der Wiese stehen, neben irgendeiner Person, die keine Rolle spielt, er fängt meinen Blick auf und schaut mich an mit dieser unglaublichen Reife, die ich scheinbar als einzige bei ihm festgestellt habe. Ein nicht in Worte zu fassender Blick;
Die blaugrauen, klaren Augen so voller Zuneigung, mit dem ganzen Ernst des Lebens und unendlicher Zuversicht, aber gleichzeitig in dem Wissen, dass es für ihn hier vorbei ist.
Ich will schreien, aber sein Blick taucht die Situation mit dem donnernden Lärm plötzlich in irre Ruhe; Aus dem Massenchaos wird Zeitlupe, bis auf seine langsamen Schritte auf mich zu und seine glasklaren Augen ist alles verschwommen, die aufkommenden Bomben sind nicht mehr mehr als ein dumpfes, abgedämpftes Grollen. Regentropfen fallen in bauchigen, runden Kugeln auf seine Schultern.
Ich will nicht ohne ihn weg. Ich weiß, dass ich durchkommen werde, aber ich will es verdammt nochmal nicht ohne ihn.
Ich will schreien.
Als das Zischen der nächsten Bombensalve ihn noch nicht ganz erreicht hat, wache ich auf, und für den Moment, in dem ich noch nicht ganz zurück, aber bereits weg bin, setzt mein Herz für einen ewigen Moment aus.

NEUE PROTAGONISTEN

Der nächste Blitz bricht waagrecht direkt vor uns durch den Himmel, verzweigt sich kurz, ohne an Höhe zu verlieren, und färbt den komplett bewölkten Himmel für einen Moment reinweiß.
Mit dem sich rasch verdunkelnden Wetter ist eine leichte Brise aufgezogen, die die erdrückende Schwüle, die seit heute morgen das Arbeiten zu einer einzigen Tortur gemacht hat, zum ersten Mal lichtet und die Landschaft aus braunen Feldern noch surrrealer wirken lässt, als es das seltsam sepiafarbene Licht ohnehin schon tut.
Du starrst begeistert den Massen von Maikäfern nach, die im langsam aufkommenden Unwetter brummend ihre Kreise um uns ziehen, und teilst offensichtlich meine Faszination für die Situation, während wir zu viert über den Feldweg marschieren.
Ich habe noch nie in meinem Leben Maikäfer gesehen, keinen einzigen, schon gar nicht in solchen Schwärmen.
Wir sind immer noch leicht breit, aber sowas hätte auch in völlig nüchternem Zustand jeden erschlagen. Das Gewitter ist noch ein ganzes Stück weg, das Ganze ist alles andere als eine kopflose Selbstmordaktion, und es ist irgendwie gut zu wissen, dass ihr, was so etwas angeht, die Naivität verloren zu haben scheint.

Als er vorher angerufen hat, musste ich nicht einmal erwähnen, mit wem ich unterwegs bin, er hat es sich gedacht. Das Telefonat war danach selbstverständlich recht schnell vorbei.
Ich war mir so sicher, dass das Kapitel für´s erste vorbei ist, aber es geht nur in die zweite Runde, mit neuen Protagonisten, die einzeln betrachtet anders, aber nach außen hin ähnlich sind.
Und was soll er auch außer der äußeren Wirkung einschätzen können? Ich glaube, er hält ihn für einen zweiten Chris, und damit kommt er nicht so richtig klar. Er kennt die Geschichte, für ihn ist das der Schlussstrich.

SPANNUNGEN

Seine bodenhohen Balkonfenster stehen offen, die dünnen Seidenvorhänge wehen davor im Wind – ich habe keine Ahnung, warum er bei dieser Schweinekälte das Fenster aufgemacht hat, aber ich stehe davor und spüre es kaum, starre nur raus in die Dunkelheit, und genieße die Stille.

Ich höre ihn nicht kommen, spüre nur plötzlich, dass jemand hinter mir steht, leicht über mich gebeugt. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Chris ist.
Ich spüre seinen warmen Atem im Rücken, und auf einmal ist er näher an meinem Nacken, als das unter Freunden so üblich wäre.
Ich spüre meine kalten Finger kaum noch, lasse die Zigarette sinken, schließe die Augen, lege den Kopf in den Nacken. Ich atme zittrig aus, während ich mich frage, ob er es wohl merkt –
Er zieht den Kopf nicht zurück. Ich kann nur schätzen, wie viele Millimeter seine Lippen von meiner Haut trennen, vielleicht zwei, vielleicht drei… Ich zittere, ob vor Kälte oder wegen ihm kann ich nicht genau sagen.
Ich hab dieses widerliche Gefühl, ein uralter Instinkt, dass mich mein ganzer Körper anschreit, als ob mir gleich eine Bestie in den Nacken fahren würde, und mir laufen eiskalte Schauer die Wirbelsäule runter.
Seine Atmung ist flach, streicht warm an meinem Hals entlang, verursacht mir am ganzen Körper Gänsehaut, aber sein Körper bebt. Ich merke es, obwohl wir uns, streng genommen, nicht berühren.
Ich höre, wie er anfängt zu lächeln, dann spüre ich seine warmen Finger ganz sanft über meinen Hals streichen. Ich lege meine eiskalte Hand auf seine, ohne dass er vor der Kälte zurückschreckt, und verschränke meine Finger locker mit seinen.
Er schlingt mir den anderen Arm um die Taille und legt mit gebeugtem Kopf seine Stirn in meinen Nacken.
„Du solltest gehen.“, murmelt er. „Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber das hier ist schwieriger, als es aussieht.“
Ich drehe den Kopf leicht zur Seite, sodass ich aus den Augenwinkeln zumindest einen Schatten erkennen kann.
„Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig Angst du hast, dass ich irgendwann mal die Kontrolle verliere.“, sagt er leise.
„Du hast kaum was getrunken.“, erwidere ich.
„Das spielt kaum mehr eine Rolle.“
Wir sind doch eigentlich auch nur Tiere, wir Menschen.