DANKE UND TSCHÜSS

„Bitte, ja? Falls sie selbst in nächster Zeit vorhaben umzuziehen.“
Der kleine, stämmige Mann mit dem langweiligen Haarschnitt und dem gewöhnlichen Namen streckt mir lächelnd einen Schlüsselanhänger entgegen, der seinen Zweck zwar in dem Sinne erfüllt, dass er ein Schlüsselanhängsel darstellt, allerdings ein recht Gewaltiges in Form eines Hauses, mit dessen Hilfe man Leute, vorzugsweise unter Umständen seine Nachbarn, ohne größeren Kraftaufwand erdrosseln könnte.
Eingraviert ist einer Schrift, die verschnörkelt genug ist, um sie kaum entziffern zu können, eine Telefonnummer und sein Name, wobei hinter „Maure“ mit Edding noch ein fehlendes „r“ hinzugefügt wurde, was dem Ganzen ein leicht unprofessionelles Aussehen verleiht. Ich versuche, mich zusammenzureißen, und werfe einen Seitenblick auf Tino, der sich allerdings noch voll im Griff hat und seriös wirkt.
„Das wäre doch nicht nötig gewesen.“, behaupte ich ernsthaft und meine es ernster als beabsichtigt. Und zwar nicht über die verunglückte Gravur, sondern über das Geschenk. Über die Gravur sage ich nichts.
Tino lässt hinter Herr Maurers Schulter ein schiefes Grinsen über sein Gesicht huschen. Er hat den Gag verstanden, den ich am Verständnis des älteren Herrn vorbeigemogelt habe.
Jetzt heißt es dranbleiben, weiterhin seriös wirken, aber gerade in dem Moment kommt mir der Gedanke, dass das ein schöner Spruch für einen Grabstein wäre;

1946 – 2021
„Das wäre doch nicht nötig gewesen.

Wie wunderbar zweideutig, das alles.

Nach der Besichtigung bekommt Tino das Grinsen eine ganze Weile lang nicht mehr vom Gesicht. Er erklärt mir in zwei kurzen Sätzen, dass er ohnehin nicht vorgehabt hätte, bei dem Typen als Vermieter einzuziehen und dass es mit Nick in der WG ja eigentlich auch ganz aushaltbar wäre. Der Schlüsselanhänger landet wenige Minuten später in der WG-Wohnung auf einem Ehrenplatz in einer Vitrine, mit der schönen Vorfreude auf Nicks sicher unzügelbare Freude, wenn er den Tonbatzen findet. Tino hat sich währenddessen in Rekordzeit eine Zigarette gedreht und hängt rauchend in der Couch, während er Chinesisch bestellt.
Eigentlich verstehe ich nicht, weshalb er umziehen will – ich bin heute nachmittag erst aus Italien zurückgekommen und der Meinung, dass es nichts Besseres gibt, als sich danach in Tinos Couch zu pflanzen.
Als Nick eine gute Stunde später mit einem fröhlichen „Hallo Schatz!“ und einem breiten Grinsen über seinen Scherz, Tino auf die Stirn zu küssen, in die Wohnung kommt, ist er so mit den chinesischen Essensresten beschäftigt, dass er den Schlüsselanhänger übersieht. Schade.
Aber ein schöner Gedanke, dass die Wohnung den beiden erst einmal bleibt.

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