PHILOSOVOGEL

Es war einmal ein Vogel, dessen Lieblingsplatz ein malerischer Hügel hinter einer prachtvollen Universität war, geschmückt von nur einem einzigen Baum, der kerzengerade genau auf seinem höchsten Punkt thronte.
Der Vogel saß dort jeden Tag und genoss Sonne und Ruhe, denn die anderen Tiere fühlten sich an dem einzelnen Baum nicht so sicher wie im nahen Wald und mieden daher diesen Ort.

Eines Tages fiel dem Vogel ein glatzköpfiger, alter Mann mit langem Kinn und ebenso langer Nase auf, der einen seltsamen, langen, metallenen Gegenstand den Hügel hinaufschleppte und damit dort den ganzen Tag verweilte, bis es dunkel wurde und er den Hügel wieder hinunterhinkte.
Der Vogel wunderte sich nicht sehr über diesen Besuch, denn manchmal, ganz selten, verirrten sich auch vereinzelte Studenten zu ihm unter den Baum, blieben ein paar Stunden sitzen und kamen dann nie wieder.
Doch der glatzköpfige Mann kehrte am nächsten Tag zurück auf den Hügel, und auch am Tag danach und am darauffolgenden Tag kraxelte er den Hügel hinauf, setzte sich ruhig mit seiner Metallstange unter den Baum und verharrte dort regungslos, bis es anfing zu dämmern.

Am vierten Tag wurde der Vogel schließlich von seiner Neugier besiegt und verließ seinen Baum, um sich unauffällig in einiger Entfernung zu dem Mann ins Gras zu setzen und seine Gerätschaft aus näherer Entfernung zu betrachten, denn sie schien ihm etwas sehr Wertvolles zu sein, war sie doch in der Lage, die Aufmerksamkeit eines dieser schlauen Menschen den ganzen Tag auf sich zu ziehen.
Als der Mann auf den Vogel nicht reagierte, hüpfte er leise immer näher, bis er schließlich direkt vor ihm saß, doch der Glatzkopf würdigte ihn keines Blickes. Den ganzen Tag lang saßen sie sich so gegenüber, bis der Vogel den Hunger nicht mehr aushielt und davonflog, um sich einen Wurm zu erjagen.

Am fünften Tag setzte er sein Experiment fort, doch da der Mann immer noch keinerlei Kenntnis von ihm zu nehmen schien, wurde es ihm schnell langweilig; auch kratze es langsam an seiner Würde, nicht beachtet zu werden, denn er war ein hübscher Vogel mit leuchtend gelbem Gefieder und roten Flügelspitzen, der von Menschen sonst durchgehend kurze, aber freudige Bewunderung gewohnt war.
Also wedelte er grüßend mit einem Flügel, wie er es manchmal bei den Studenten gesehen hatte, die sich auf seinen Hügel verirrt hatten, doch auch darauf reagierte der Mann keineswegs.
„Fühlst du dich nicht angesprochen?“, fragte der Vogel schließlich leicht verärgert.
„Wie kommst du zu dieser unvernünftigen Annahme? Natürlich fühle ich mich angesprochen.“, antwortete der Mann, ohne den Blich von seiner Metallstange zu lenken.
„Kennst du denn gar nicht die Bedeutung eines Grußes?“, fragte der Vogel verstimmt.
„Ich fühle mich angesprochen, aber ich darf daraus nicht schließen, dass du mich magst; denn dann würde ich dir unterstellen, dass du denkst.“, antwortete der Mann in die Halterung.
Der Vogel legte den Kopf schief und dachte lange über die Antwort des Mannes nach.
„Aber ich habe mir das extra mühsam bei Deinesgleichen abgeguckt.“, piepste er schließlich. „Das war eine nette, freundliche Geste.“
„Viele Menschen legen tierisches Verhalten nach menschlichen Maßstäben aus. Das nennt man Anthropomorphisierung, die Vermenschlichung von Tieren, und es ist ein Problem, das nur in die Irre führt.“, antwortete der Mann in monotonem Vortragsstil.
Darauf wusste der Vogel nichts zu antworten.
„Wer bist du denn eigentlich?“, brachte er die Konversation nach einigen Minuten schließlich wieder ins Rollen.
„Ich bin Professor Dr. Dr. Med. Archibald Gregor Weber, leitender Dekan der Universität für Kosmologie mit Lehrstuhl an der medizinischen Fakultät.“
Der Vogel ließ sich diesen Wortschwall mehrmals durch den Kopf gehen und versuchte, sich den Namen zu merken, aber nach den ersten beiden Wörtern wurde alles immer mehr zu einem unverständlichen Brei, der ihn überforderte.
„Ich bin der Vogel.“, sagte der Vogel.
„Aha.“ Sagte der Professor.
„Was ist das?“, fragte der Vogel.
„Ein Teleskop.“
„Aber was ist das?“
„Der Begriff kommt aus dem griechischen, leitet sich von téle und skopéin ab und bedeutet so viel wie „fernsehen“. Es ermöglicht mir, das Firmament der Sterne in der westlichen Hemisphäre zu studieren.“
„Was heißt das?“
Der alte Professor seufzte müde, nahm seinen Blick aber immer noch nicht von dem Teleskop, als er antwortete: „Sterne. Man kann damit Sterne anschauen.“
„Du musst ganz schön schlau sein.“, stellte der Vogel bewundernd fest.
„Aus der Sicht eines Vogels muss jeder Mensch schlau sein.“, antwortete der Professor nüchtern.
Darauf wusste der Vogel wieder keine Antwort.

„Aber man kann Sterne doch auch einfach so anschauen.“, fing er einige Minuten später wieder an.
„Das Teleskop vergrößert die Sterne aber. Siehst du, hier ist eine Linse.“
„Aber dann hältst du das Sternenrohr ja falsch herum.“, antwortete der Vogel und wurde ganz aufgeregt, weil er das Gefühl hatte, etwas Schlaues erkannt zu haben.
„Vogel, siehst du Sterne am Himmel?“
„Nein.“
„Dann werde ich mir um diese Tageszeit wohl auch keine Sterne anschauen.“
„Aber was machst du dann den ganzen Tag mit deinem Sternenrohr?“
„Ich denke nach.“
„Über die Sterne?“
„Nein, über den Kosmos.“
„Aber du siehst den Kosmos doch gar nicht.“
„Menschen verfügen über zielbewusstes, abstraktes Denken. Wir müssen Dinge nicht sehen, um darüber nachdenken zu können. Die Fähigkeit zur semantischen, syntaktischen und pragmatischen Kommunikation ermöglicht uns diese Dimension des Denkens, denn durch die Sprache können wir uns die simple Reiz-Reaktionen der Tiere durch eigene Codierung ins Bewusstsein holen und vorsätzlich damit arbeiten.“
„Ich kann Landkarten in meinem Gehirn anlegen, mit denen ich aus jeder Richtung bis nach Afrika und zurück finde, und ich kann mir Verstecke von Essen merken!“, erzählte der Vogel stolz, der Spaß an diesem Austausch herausragender spezieller Fähigkeiten gefunden hatte, und plusterte sein Gefieder auf.
„Das ist schön, aber es kommt auf der Skala nicht besonders weit. Ich weiß, ich bevorzuge Lebewesen, die so denken wie wir, aber ich kann nun mal einfach nicht anders, als die Skala unwillkürlich so einzurichten, dass wir ganz oben stehen. Für Landkarten hat jedes kleine Kind ein GPS auf dem Handy. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich bin eine wichtige Persönlichkeit, meine Zeit ist rar und ich muss jetzt weiter über die wichtigen Fragen der Menschheit nachdenken.“
Der Vogel starrte den Glatzkopf fassungslos an, sein Gefieder wollte sich gar nicht mehr glätten bei all den schlimmen und beunruhigenden Denkanstößen, die der Professor in ihm ausgelöst hatte, ohne ihn während der gesamten Konversation auch nur eine Sekunde lang angeschaut zu haben.

Lange, sehr lange grübelte der kleine Vogel aufgeplustert vor sich hin, während ihm die Sonne auf das Köpfchen schien und der Wind sein glänzendes Gefieder streichelte. Keines von beidem schien der Mann auch nur bemerkt zu haben.
Dann schließlich wurde er mit dem Denken fertig und hatte sich seine Meinung gebildet.
Er kackte dem Professor auf die glänzende Glatze und schwang sich zufrieden in die warme Abendluft.




Das hier ist der Ursprung dieser Geschichte: Ein Aquarell der verehrten Frau Ahnungslos, die um Interpretationen dafür bat. Vielen Dank hierfür!

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10 WÖRTER: SCHALL UND WAHN

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Original Photography by Mariamichelle, CC0-Public-Domain-licensed

Die Hütte riecht nach feuchtem Moos und abgestandenem Rauch, dessen unangenehmer Gestank weder wie von Anuun behauptet den Schimmel entfernt noch seinen durchdringenden Geruch überdeckt hat, nachdem sie meinte, die komplette Holzbaracke ausräuchern zu müssen.
Trübes Wasser läuft an einer der in den Felsen geschlagenen Wände herunter und hat an den Rändern bereits eine kalkig-weiße, grünlich schimmernde Kruste gebildet. In einer Ecke steht ein verlorener Fahrradrahmen ohne Räder, dessen verrostetes Gestell der Kruste an der Wand Konkurrenz macht.
Logan sitzt mitten im Raum auf einer Pritsche aus frischem Schilf, das Anuun unten am See aus dem Kies gejätet hat; jeder andere Ort ist ihm nicht weit genug von diesen widerlichen Wänden entfernt, und auch wenn die Jutedecke furchtbar kratzt und sich die harten Schilfstängel wie dornige Äste anfühlen, die sich unter der Decke abdrücken, ist ihm alles lieber als die schneidende Kälte draußen.

Er weiß nicht, was ihm mehr zu schaffen macht; Hunger, Durst oder doch diese unendliche, hilflose Einsamkeit zwischen Bergen und Gletschern. Doch das Wasser, das Anuun vor zwei Tagen ausgekocht hat, hat seine grünliche Farbe dadurch nicht verloren; Logan wagt es genauso wenig zu trinken wie die braunen Klumpen in der schon vor dem Öffnen rostigen Dose zu essen, die er unter dem Tisch gefunden hat und deren Inhalt ihn trotz quälendem Hunger zu sehr an verdorbenes Katzenfutter erinnert, als dass er es über sich bringen könnte, einen der Fleischklumpen in seinen Magen zu befördern.
Unter dem Tisch liegt eine angeschimmelte kanadische Zeitschrift, die über die steigenden Männerquoten in den Inuit-Stämmen berichtet. Logan will lachen über diesen Kontrast zwischen halber Zivilisation und dreckiger Hütte, aber mehr als ein heiseres Keuchen will seiner Kehle nicht entweichen.

Am dritten Tag wacht er mit verklebten Augen und pochendem Herzen auf der Pritsche auf und ist sich für einen Moment sicher, dass er seine Beine nicht mehr spürt. Überrascht stellt er fest, dass die Luft tatsächlich frei zu sein scheint von den staubigen, Übelkeit erregenden Schimmelporen, ohne sich ganz sicher zu sein, ob er bereits wach ist oder noch träumt, aber die klare Luft lichtet den langsam, aber sicher eintretenden Wahn in seinem Kopf.
Auf wackeligen Beinen und mit schwerem Atem taumelt er aus der Hütte.
Die Kälte ist genauso schneidend, wie er sie in Erinnerung hatte. Alles hier kommt ihm feindselig vor, die Luft, der zerklüftete, dunkle Fels, selbst die kristallklaren, eisblauen Gletscher im schwarzen Wasser der Bucht.
Irgendwo hinter diesen endlosen Gipfeln muss das alte Schneemobil liegen, das sie hier im Stich gelassen hat.
„Vielleicht gibt es schönere Zeiten, Cousin, aber diese ist die unsere.“
Im Stich gelassen wie Anuun. Ihr hartes Englisch kommt ihm wieder in den Sinn; so viel besser, als er es in Erinnerung hatte, und doch so endlos fremd wie eine andere Sprache, die er wie durch ein Wunder versteht.
„Redet ihr Inuit alle so?“, hatte Logan sie müde gefragt.
„Das ist ein Zitat.“, hatte sie geantwortet, und als sein Gesicht keine Regung zeigte: „Sean-Paul Sartre.“
Seitdem hatte sie nichts mehr gesagt. Weil sie fort ist, und Logan leidet an Wahnsinn und Reue.
Er stolpert den steinigen Hang hinunter, isst, was er an Beeren findet, hastet mit letzter Kraft zur Klippe herunter und schöpft sich gierig mit beiden Händen das eiskalte Wasser in den Mund, nur um es kurz darauf prustend wieder auszuspucken, aber das Salz brennt sich unaufhörlich in seine ausgetrockneten Schleimhäute. Auf dem Weg zur Hütte übergibt er sich. Salz und Galle treiben ihn dazu, das brackige Wasser aus der Hütte doch zu trinken, aber er behält es nicht lange bei sich.

Am vierten Tag setzt Schüttelfrost ein. Nichts würde er jetzt lieber vor sich sehen als Anuuns schräge Mandelaugen, die ihm in ihrer Tiefe vorher stets Unruhe bereitet haben, doch jetzt sehnt er sich nach der geerdeten Weisheit, die darin liegt.
Wirre Träume plagen ihn und Schuldgefühle. Er hat Anuun vertrieben, sie ist erfroren, da ist er sich sicher. Kein Mensch kann diesem lebensfeindlichen Ort so lange Widerstand leisen.
Er träumt davon, dass er Blut trinkt, Spendenblut, sein eigenes; nichts anderes scheint ihm übrig zu bleiben. Immer wieder schreit er, weil er die Grenzen zwischen Traum und Realität nicht mehr auseinander zu halten vermag.
Schließlich schleppt er seinen kraftlosen Körper ein letztes Mal vor die Baracke.
„Anuuuuuun!“, brüllt er so laut er kann in den Nebel. Er nimmt die Stille nicht wahr, nicht die atemberaubende Schönheit dieses unberührten Fleckes; nicht einmal das Rentier, das hinter ihm Flechten von einem verdorrten Baum gezupft und bei seinem markerschütternden Schrei sofort die Flucht ergriffen hat.
Auch nimmt er nicht das brüllende Röhren nahender Schneemobile wahr, die sich mühsam über den Fjord gekämpft haben und sich jetzt von der Bucht aus nähern.
Da ist nur Schall und Wahn. Schall und Wahn und Nebel.
Dann bricht er zusammen.

40 min, auch dieses mal powered by Frau Ahnungslos, das Prinzip wird hier erklärt.
Das war gar nicht so negativ geplant wie es sich entwickelt hat, sondern sogar eher amüsant, aber dann ging es einmal richtig los und das hier ist eben dabei herausgekommen. Man soll der Kreativität ja freien Lauf lassen, wenn sie einmal fließt 😀

10 WÖRTER: ALTE NEUE WELT


Originalphoto by Alfred Jensen

Möwen ziehen am Bug des großen Schiffes vorbei, das Erin über den Ozean trägt. Melancholie dringt aus jeder ihrer Poren und fängt sich in den weißen Segeln des beeindruckenden Dreimasters, der den Namen Agave trägt wie die seltenen, hochgewachsenen Pflanzen aus seiner Heimat, die manchmal nur alle paar Jahrzehnte eine Blüte ihren meterlangen Stiel zieren lassen.
Erin ist weder schön oder besonders weiblich und daher auch eigentlich umsonst in ihr bestes und einziges Seidenkleid gehüllt, das wie crémefarbenes Wasser um ihre braungebrannten Beine weht, besitzt dafür jedoch einen Doktortitel in Medizin, ein ordentliches kleines Vermögen und herausragende botanische Kenntnisse, die sie mit einem überdurchschnittlich akkuraten und sauberen Zeichentalent als einziges wirkliches Hobby regelmäßig zu Papier bringt.
Erin ist Fünfundvierzig, Junggesellin und damit nicht unglücklich, da sie von Männern ohnehin nicht viel hält.
Der Abschied aus ihrem heimeligen kleinen, traditionellen Haus in Nordengland ist ihr nicht schwergefallen, nachdem ihr alter, dickköpfiger Vater aus seinem jahrelangen Gedränge, sie möge doch endlich heiraten, insofern Ernst gemacht hat, dass er versuchte, eine moderne, europäische Art der Zwangsheirat wieder einzuführen.
Aber James Bogart ist ein alter, trüber Schäfer, der „Gothik“ nur ohne „h“ und im Zusammenhang mit Architektur kennt und dessen einziger interessanter Aspekt die grausame Tatsache ist, dass er als Besitzer eines kleinen Schlachthofes in facto mehr Lämmer zum Schweigen gebracht hat als Anthony Hopkins alias Hannibal Lecter im übertragenen Sinn.
Nein, James Bogart zählt nicht zu Erins Problemen, jedenfalls nicht mehr.
Sie ist glücklich, bis auf eine einzige Tatsache: Erin ist ins falsche Jahrhundert hineingeboren worden.

Und so hat es sie nach Südafrika verschlagen, ans Kap der guten Hoffnung, wo die Agave ihr Gischt ins Gesicht spritzt, deren Salz auf den aufgerissenen Lippen brennt. Wo sie jeden Tag die süßen Aprikosen ignorieren kann, die es in England von hier nur im Winter gibt, weil sie ein Zeichen für die Globalisierung sind, die Erin nicht sehen will, und wo die jungen schwarzen Perlentaucher ihre Beute mit ihr tauschen, wenn sie ihnen dafür im Gegenzug Dinge gibt, die sie aus England mitgebracht hat und die für sie neu und faszinierend erscheinen.
Natürlich ist das kein Vergleich zum richtigen Südafrika um 1800, als ihre Landsmänner Kolonien eroberten, alles noch neu und faszinierend war und man Botaniker wie Helden gefeiert hat, die auf Forschungsreisen gefahren sind und mit Zeichnungen und Proben von atemberaubenden neuen Pflanzenarten zurückkamen, um diese in riesigen botanischen Anlagen nachzuzüchten.
Aber Erin hat Zeit, und Fantasie, und solange sie hier auf dem Bug die Augen schließt und die brennende Hitze auf der durchnässten und von der Sonne gegerbten Haut spürt, fühlt sie sich frei und selig.
Sie ist Erin Greville aus England auf Forschungsreise nach Kapstadt, um die Welt zu begeistern.

20min, wie immer powered by Westendstories.
(Für alle Neuleser erklärt sich das Prinzip dieser Art zu schreiben hier.)

10 WÖRTER: OSTBLOCK-NEBEL

Bundesarchiv Bild 175-14676, Leipzig, Reichsgericht, russischer Panzer.jpg
Bundesarchiv Bild 175-14676, Leipzig, Reichsgericht, russischer Panzer“ von Unbekannt
Dieses Bild wurde im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt. Das Bundesarchiv gewährleistet eine authentische Bildüberlieferung nur durch die Originale (Negative und/oder Positive), bzw. die Digitalisate der Originale im Rahmen des Digitalen Bildarchivs.. Lizenziert unter CC-BY-SA-3.0-de über Wikimedia Commons.

 

Man fühlt Schüsse mehr, als man sie hört, aber das kann nur nachvollziehen, wer mit dem Krieg vertraut ist.
Man hört das hohe, knackende Platzen der Patronen, aber viel mehr spürt man den Knall mitten im Herzen, der die Pulsfrequenz stört, als wäre man selbst der Getroffene.
Man hört den Krieg nicht, man wird taub vom Lärm. Laut ist erst die Stille nach dem letzten Schuss, wenn der einschneidend hohe Ton noch zwischen nacktem Beton nachhallt wie das Dröhnen es pulsierend im Kopf tut.
Man weiß um das Leben, das gerade beendet wurde, denn sonst wäre der Schuss nicht der letzte gewesen.
Man schießt, bis eine Seite fällt.
Egal, wo ich in Zukunft Schüsse hören werde, und wenn es mein Onkel beim Jagen auf Wiesen und Äckern sein wird, immer wird sich der Nachhall anhören wie von nackten Betonwänden zurückgeworfen.
Ich habe es längst aufgegeben, Mila die Ohren zuzuhalten, denn sie sind nicht der Durchlass, durch den der Krieg zum Bewusstsein vordringt, aber das einzige, was man sich zuhalten kann.

Der Rundfunk versucht, uns klar zu machen, dass der „Eiserne Vorhang“ vernünftig und notwendig ist. Unsere Schulbücher sind voller Absicht zur Abgrenzung zum Rest der Welt, vermitteln nichts als Hass auf alle anderen und Nationalstolz auf eine Nation, die keine ist; die nichts ist als ein Volk auf seinem Heimatboden, der ihm nicht mehr gehört, abgeschnitten von denen, denen es sich zugehörig fühlt.
Ostblock-Politik! Was sind wir? Nichts mehr als ein diffuser Begriff, von Ablehnung getränkt, der manchmal das östliche Restdeutschland und manchmal das komplette geografische Osteuropa bezeichnet.
Alles, was sie uns einbläuen, klingt suspekt; jedes Wort tropft vor Gehirnwäsche. Aber ebenso suspekt sind die Umstände, in denen wir leben, und sie vernebeln unseren Verstand, während die Schreie, mit denen er versucht, zu uns durchzubringen, wie man diesen Fehler mit dem Stolz so kurz nach dem Fall des Dritten Reiches weiterführen kann, immer tiefer in diesem Nebel versinken.

Milas Vater sprüht vor angestrengtem Optimismus. Mühsam versucht er, den kleinen, nur durch Hörensagen bekannten und ansonsten geheimen weil bei der Stasi nicht gern gesehenen Biergarten aufrecht zu erhalten, den er meiner Mutter zuliebe eröffnet hat, als sie das Heimweh nach Bayern in Depressionen zu stürzen drohte.
Aber der ist fragwürdig wie alles hier. Es gibt keine bunten Schirme mit Biermarken darauf, kein Kies und keine Bierbänke, nur einen versteckten Keller mit leckenden Wasser- und rostigen, alten Ofenrohren. Alles riecht nach Zerfall und Schimmel. Das einzige, was entfernt an die echten Kühfelle „dahoim“ erinnert, ist das Kunstleder der billigen Barhocker, und statt einem Holzkreuz über der Tür steht ein fetter Buddha aus vergilbter, goldener Farbe auf dem hässlichen Tresen.
Nichts als Vetternwirtschaft hält den Laden über Wasser; „Spezlwirtschaft“, wie meine Mutter es nennt, denn dieser Begriff erfordert dagegen keine familiären Bande.

Wozu das alles? Wozu die Mühe, wozu Bayern zu den Sowjets holen? Sie versinkt ohnehin, mit oder ohne diesem Witz von Bierschenke und diesem Mann, der nicht mein Vater ist und mir eine Halbschwester schenkte, die mir fremd ist.
„Mila, du musst deutsch lernen!“ Das hat für Mutter oberste Priorität, aber sosehr die Kleine auch versucht, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, Milas Sprache hat sich zu einem unentwirrbaren Brei aus schlechtem Deutsch und Russisch entwickelt, den sie nicht zu trennen vermag und in dem sich viel zu stark die harte Ausdrucksweise rumänischer Flüche abdrückt, die ihr Vater nicht ablegen kann.

„Können die Russen zaubern?“, fragt sie mich in ihren unbeholfenen Worten.
Ich sehe sie verständnislos an.
„Wie kann man eiserne Vorhänge machen?“, fügt sie die nächste Frage dahinter, und ihre ahnungslose Neugier macht mich sprachlos.
Für einen Moment möchte ich die Traumwelt dieses kleinen Mädchens erschlagen und ihr endgültig begreiflich machen, dass sie in der Realität ankommen muss, im Krieg. Im Krieg ist kein Platz für Träume.
Aber sie ist ein kleines Mädchen, und was bleibt ihr sonst?
Mein Herz ist noch nicht weit genug versunken, um ihr das zu nehmen, und so lasse ich sie in dem Glauben, während ich versuche, sie durch die kalte Nacht unbeschadet an den nackten Betonwänden vorbei nach Hause zu bringen, den Schall der Schüsse immer im Kopf, wo er wohl für den Rest meines Lebens bleiben wird.

 

Auch dieses Mal powered by Westendstories. Danke!
(Für alle Neuleser, das Prinzip dieser Art zu Schreiben erklärt sich hier)

10 WÖRTER: LUKE & LINNEA

Hallo ihr Lieben, ich bin heute über das Blog von Westendstories gestolpert, wo folgende Idee zum Gemeinschaftsschreiben in die zweite Runde ging: Jemand schlägt 10 Wörter vor, und jeder, der Lust hat, darf in 15 Minuten eine Geschichte schreiben, in denen diese unzusammenhängenden Terme vorkommen. Zugegeben, bei mir wurde es etwas mehr Zeit, aber auch das ist in Ordnung, wurde dort versichert 😉 Danke an Westendstories für die gute Idee!

 

Luke hat zu viel getrunken und weiß das auch; ein unangenehmer und ebenso ungewohnter Zustand für ihn, denn er setzt voraus, dass man über seinen Alkoholkonsum nachdenkt, und das ist seiner Meinung nach ein Job für Frauen. Männer führen keine Strichlisten über ihre Getränke, sie beschäftigen sich nicht mit dem Grad ihrer Trunkenheit, und schon gar nicht ist es einem Mann möglich, zu viel zu trinken.
Nie hat er sich Gedanken darüber gemacht. Sein Vater, ein wortkarger, kräftiger Mann, hat ihn so erzogen, und nie ist er in den vergangenen fünfunddreißig Jahren mit dieser Art der Weltanschauung irgendwo angeeckt, schon gar nicht bei sich selbst.
Er schämt sich vor sich selbst, schämt sich für seine Schwäche; dann wird er wütend, aber noch im selben Moment schämt er sich selbst für diesen Anfall sinnlosen Ärgers. Bitter liegt das Gefühl dieser Launenschwankungen auf seiner Zunge und mischt sich dort mit dem scharfen Brennen des Gins. Auch Launenschwankungen sind etwas, das Luke immer den Frauen zugeschrieben hat, aber je länger er darüber nachdenkt, desto härter trifft ihn seine eigene Unentschlossenheit und Unsicherheit, die ihn mit jedem Gedanken unschlüssiger herumtreibt.

Auf dem robusten Holztisch steht noch eine halbleere Kaffeetasse von diesem Vormittag. Linnea liebt Kaffe, ebenso wie den Blick in seinen Garten; oft sitzt sie, wenn sie bei Luke ist, an dem groben Holztisch, anmutig in einen ihrer geliebten Kaschmir-Schals gewickelt, und beobachtet fasziniert die Eichhörnchen und Hasen, die hier auf den Wiesen für die Landbewohner keine Seltenheit mehr sind. Sie ist das Land nicht gewohnt, und obwohl Luke in diesen Momenten besonders gern ihre zarte Schönheit bewundert, während sie träumerisch nach draußen starrt und ihn nicht bemerkt, ist ihm ihre seltsame Mischung aus Bewunderung und Distanz zum ländlichen Leben ein wenig suspekt. Es erscheint ihm weltfremd und unnatürlich, wie fixiert sie auf ihr Stadtleben ist.

Überhaupt – Linnea! Sie ist ihm so fremd wie kaum ein anderer Mensch auf dieser Welt.
Was sie genau arbeitet, weiß er nicht einmal, aber sie ist ständig dabei, in unmenschlicher Geschwindigkeit Romane auf ihrem Blackberry zu verfassen, diskutiert den halben Tag am Telefon Verträge aus, und wenn er sie in ihrem schwarzen Audi nachts mit zu sich nach Hause nimmt, stöckelt sie zwar in ihren unbezahlbar teuren, schwarzen Louboutin-Pumps ohne ein Zeichen der Beschwerde über die Einfahrt aus grobem Kies, aber er hört sie jedes Mal leise seufzen, wenn sie sie im Flur neben seinen Gummistiefeln aufstellen muss.

Wäschekörbe, Waschmaschinen, Reinigungsmittel und Geschirrtücher sind ihr fremd, ebenso die Funktionsweise einer gemeinen Küche, denn Linnea verdient bei Gott genug Geld, um Dinge wie Waschen, Kochen oder Besuche im Supermarkt von einer Haushälterin erledigen zu lassen – bisweilen fehlt ihr für beides ohnehin die Zeit, und Essen nimmt sie sowieso fast ausschließlich in Form von kleinen, teuren Snacks in ihren Lieblingsrestaurants um die Ecke zu sich. Zum Mitnehmen, versteht sich. Ebenso versteht sich, dass ihr weder Nudeln noch Pizza, geschweige denn Süßigkeiten auf den Teller kommen: Das einzige, was sie mehr hasst als Schokolade, sind die Ramones, womit Luke besonders schwer zu kämpfen hat, denn obwohl ihm deren Musik selbst nicht besonders gut gefällt, weckt sie immer wieder fast liebevolle Erinnerungen an seinen Vater, der sie sehr verehrt hat.

Wieder steigt Wut in ihm auf, die durch den Anblick der halbleeren Kaffetasse auf dem Tisch verstärkt wird.
Sie haben sich vorher gestritten, heftig gestritten: Linnea kann Lukes Art, zu leben, nicht nachvollziehen. Sie versteht nicht, warum er so abgelegen auf dem Land lebt und der harten Arbeit auf dem riesigen Gestüt und den endlos weiten Ländereien noch selbst nachgeht, obwohl er bei seinem Besitz genauso gut längst nur noch im Büro sitzen, Arbeiter herumkommandieren und Gewinne abrechnen könnte. Sie hat ihn als grob und anspruchslos bezeichnet, er sie als realitäts- und lebensfern, und damit brach ein Streit vom Zaun, dessen Heftigkeit alles überstieg, was Luke jemals an Emotionen freigelassen hatte.

Wie kann eine Frau dermaßen abgehoben sein? Zweifellos ist sie sehr intelligent, und Luke schätzt Intelligenz, aber wer benutzt schon Worte wie Massenkommunikationsdienstleistung, Übertragungsverodnung oder Tapetenabschlusskante im ganz normalen Alltag? Ganz zu schweigen davon, dass sie letzte Woche die Lage seines Hauses auf dem Hügel als pittoresk bezeichnet hat.
Was hat er jetzt davon? Einen völlig verdrehten Geist! Diese Frau überschwemmt mühelos den Felsen in der Brandung, als den Luke seinen Charakter immer gesehen hat, und stürzt seine sonst so ruhige, in sich gekehrte Art in Wellen von Zweifel und Unsicherheit über seine bisherige Weltanschauung.

Aber trotz all dem schafft er es nicht, sie zu hassen, im Gegenteil; er bewundert sie. Sie fasziniert ihn, und sie zieht ihn stärker an als jede andere Frau, deren Bekanntschaft er jemals gemacht hat.
Lukes neueste Anschaffung, ein Zebrafell, welches er sich nur für das Wohnzimmer angeschafft hat, weil sie es ästhetisch fand, landet mitsamt seinem Ginglas durch die Terassentür auf der Wiese im Garten.
„Scheißdreck!“, brüllt er ihm hinterher. Nie hat sie sich auf dem Küchentisch über seine Grobheit beschwert, wenn er sie zum Schreien gebracht hat, und im Bett nie über die Ausdauer und die Muskeln, die die „sinnlose“ Arbeit mit sich gebracht hat.
Aber er kann diese Frau nicht hassen, die ihn alle seine Prinzipien hat verwerfen lassen und die dafür gesorgt hat, dass er jetzt in der Küche steht und feststellt, dass er zu viel getrunken hat, dass er auf einmal Zebrafelle kauft, um das Wohnzimmer zu dekorieren und dass er sich zum ersten Mal von einer Frau ernsthaft den Kopf hat verdrehen lassen.

Wie aus Protest leert er den Rest des Gins in sich hinein und ruft sich schließlich fluchend ein Taxi, um Linnea einen Besuch abzustatten. Er wird mit ihr reden müssen, nachdem er sie zum hundertsten Mal zum Schreien gebracht hat, und dann wird er sich endlich eingestehen müssen, dass er sie liebt.
Und das Zebrafell wieder aus dem Regen holen, gleich am nächsten morgen.