KARMA

Photography by McKay Savage under CC 2.0

Er wollte heiraten, was blöd klingt in meinem Alter, in seinem aber durchaus einmal einen Gedanken wert, und außerdem die Wahrheit.
Ich habe ihn sehr geliebt, aber für mich war ein Ende immer selbstverständlich, wenn ich auch bis vor kurzem nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet habe, wann und wie dieses Ende kommen würde.

Ich sitze schon am PC, um ihm das nach meiner Frist endgültig mitzuteilen, da lässt eine kleine Nachricht auf meinem Handy den letzten Strick reißen. Aber mein Entschluss ist schon gefallen – das Richtige tun, ihn frei geben, fair sein, selbstlos sein. Die Entscheidung eben nicht von anderen Faktoren abhängig machen, nicht klammern, nur weil man nicht bekommt, was man stattdessen wollte. Springen, loslassen, auch wenn man danach alleine ist. Ihm zuliebe. Meinem Gewissen zuliebe.
Ich habe auf einmal Angst vor dem Alleinsein und kann nicht einschätzen, ob mich diese Angst mehr belastet oder die Tatsache, dass ich durch diese Beziehung jetzt zum ersten Mal überhaupt Angst vor dem Alleinsein habe, diesen feinen und doch so ausschlaggebenden Unterschied zwischen einsam und alleine auf einmal spüre. Leichte Panik steigt in mir auf, einen so großen Teil meines Lebens herauszureißen, um danach ohne alles da zu stehen, was ich als Plan B angesehen habe, so sehr ich mich dafür schäme. Einiges in den letzten Tagen hat mein Selbstbild bitter angeknackst.

Und obwohl sich alles in mir sträubt, für nichts die Sicherheit und das Vertrauen aufzugeben, die er mir grenzenlos gegeben hat, stellt meine Moral alles auf Autopilot und macht sich endgültig los, entscheidet sich gegen Egoismus und für Moral und Verantwortung.

Was folgt, ist ruhige Stille im Kopf, neutrale Leere. Ich warte auf irgendeine Form von Gefühlsausbruch, irgendeine Emotion oder eine Regung, aber bis auf die untergründige, sachliche Erkenntnis, alles aufgegeben zu haben, tut sich dort wenig.
Eine ganze Weile sitze ich so da, bis ich mir sicher bin, dass sich daran so schnell nichts mehr ändert, stehe schließlich auf, um mir in der Küche einen Tee zu machen, und stolpere über ein Arrangement aus Rotwein, Karotten mitsamt dekorativem Grün und einem gelben Zettel.

Ich muss die in grauenhaftem Italienisch verfasste Entschuldigung nicht lesen, um zu wissen, auf wessen Rechnung diese Besorgungen gehen.
Viel zu lange starre ich aus meiner nüchternen Gedankenebbe den dekorativen Haufen vor meiner Türe an, bis sich schleichend, ganz langsam ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet und sich die neutrale Leere in meinem Kopf träge mit einer dezenten Wärme zu füllen beginnt – aus meinem innersten Selbst, und gleichzeitig von einer ganz anderen unerwarteten Seite.

Ich habe freiwillig losgelassen in dem Glauben, ich würde dadurch nur verlieren, um das Richtige zu tun.
Ich habe geweint und gelitten, um fair zu sein, selbstlos.

Ich kann und will nicht an Gott glauben.
Aber aus dem Nichts ist Alles geworden, und indem ich aufgegeben habe, was ich wollte, nicht an mich selbst, sondern nur an ihn gedacht habe,  hat sich mein Sprung in die Tiefe zu einem unverhofften Neuanfang gewendet.

Der Schmerz ist nicht wiedergekommen, ebenso wenig die Leere. Die Wärme dagegen ist geblieben.
Wenn mich Leute fragen, wie es mir geht, glaubt der ein oder andere nicht, dass man nach einer solchen Trennung glücklich sein kann.
Aber ich bin glücklich; glücklich und vor allem selbstgenügsam, selbstbewusst. Aus allein ist nicht einsam geworden. Ich habe viel verloren, aber ich habe mich selbst zurück, und darüber hinaus unverhofft sogar um ein vielfaches mehr.
Manchmal, in solchen Situationen, bin ich mir fast sicher, dass es so etwas wie Karma geben muss.

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HÖLLE

Drei Jahre fühlen sich an wie ein halbes Leben, wenn man zusammen erwachsen wird.

Man wird niemandem mehr so bedingungslos vertrauen, so nah sein wie der ersten Liebe, hat man mir gesagt.
Vor der ersten festen Beziehung kennt man keinen Trennungsschmerz, man denkt nicht an das Ende, man liebt und vertraut vorbehaltlos, ist mir klar geworden, und dass das nur beim ersten Mal so ist. Vielleicht ist es die falsche Entscheidung, ihn gehen zu lassen mit seinem endlos guten Herzen und seinem edlen Charakter, der der Grund dafür ist, dass ich bis heute nicht wirklich weiß, wie sich Eifersucht anfühlt.

Drei Tage fühlen sich jedenfalls an wie die Hölle, wenn man diesem Menschen in die Augen sieht und sagt, dass es nicht mehr geht.
Wenn man merkt, dass er zwar seit Wochen vorgewarnt war und es hätte wissen müssen, es aber schlicht und einfach nicht glauben konnte, und wie die großen braunen Augen auf einmal schwarz werden, als könnte man durch die Pupille beobachten, wie der Gedanke durch den Kopf sickert, dass es keine Hoffnung mehr gibt.
Einen Tag und eine Nacht haben wir zusammen geweint, bis wir vor Erschöpfung nebeneinander eingeschlafen sind.
Ich wusste nicht, dass man weinen kann, bis es weh tut, aber die Tränen hören trotzdem nicht auf zu fließen.
Einen Tag lang bin ich jeden Zentimeter in meinem Zimmer abgelaufen, weil ich nichts anderes tun konnte, nicht sitzen, nicht liegen, nicht denken.
Ich wusste nicht, dass Weinen irgendwann nicht mehr reicht, und man anfängt zu klagen, weil man es sonst nicht erträgt.
Ich habe es nicht mit und nicht ohne ihn ertragen, und am Ende war ich die Frage nach der Entscheidung so leid, dass ich gar nichts mehr entscheiden konnte.
Mir war nicht klar, was für eine Lawine ich auslösen würde. Ich war so daran gewöhnt, dass er immer da war, dass ich nicht gewusst habe, wie tief und wie viel ich herausreißen musste, um mich von ihm loszumachen.

Eine Nacht bin ich zu ihm gefahren, und abrupt war der Sturm im Kopf vorbei, der Schmerz weg, Stille im Geist. Selten habe ich mich so friedlich und ruhig gefühlt wie in diesem Moment.
Wir haben zusammen im Bett gelegen und einen Film geschaut, ruhig geredet, fast geflüstert, als könnte der Moment kaputt gehen. Wir haben das Buch mit den Fotos durchgeblättert, das ich ihm vor einem Jahr geschenkt habe, dann nachts um drei dem McDonalds-Drive-in einen Besuch abgestattet, wie wir es früher so oft gemacht haben.
Er war ruhig und gefasst, fast wie ein Fremder. Wir haben uns auf eine Art unterhalten, die uns vorher nie möglich war. Als würde ich einen neuen Menschen kennen lernen. Dann ein falsches Wort, und die Schlucht ist wieder aufgebrochen.

Drei Tage sind die Hölle in einer Welt, die man nicht mehr ohne den anderen kennt.
Weihnachten, hat sich als stille Frist in meinem Kopf eingepflanzt. Zwei Wochen Ruhe und Gedanken für sich selbst, auch wenn ich den Ausgang schon kenne.
Dann sitze ich im Auto und fahre zurück in das Leben, das ich jetzt führe, und es ist wieder Stille im Kopf.

10 WÖRTER: LUKE & LINNEA

Hallo ihr Lieben, ich bin heute über das Blog von Westendstories gestolpert, wo folgende Idee zum Gemeinschaftsschreiben in die zweite Runde ging: Jemand schlägt 10 Wörter vor, und jeder, der Lust hat, darf in 15 Minuten eine Geschichte schreiben, in denen diese unzusammenhängenden Terme vorkommen. Zugegeben, bei mir wurde es etwas mehr Zeit, aber auch das ist in Ordnung, wurde dort versichert 😉 Danke an Westendstories für die gute Idee!

 

Luke hat zu viel getrunken und weiß das auch; ein unangenehmer und ebenso ungewohnter Zustand für ihn, denn er setzt voraus, dass man über seinen Alkoholkonsum nachdenkt, und das ist seiner Meinung nach ein Job für Frauen. Männer führen keine Strichlisten über ihre Getränke, sie beschäftigen sich nicht mit dem Grad ihrer Trunkenheit, und schon gar nicht ist es einem Mann möglich, zu viel zu trinken.
Nie hat er sich Gedanken darüber gemacht. Sein Vater, ein wortkarger, kräftiger Mann, hat ihn so erzogen, und nie ist er in den vergangenen fünfunddreißig Jahren mit dieser Art der Weltanschauung irgendwo angeeckt, schon gar nicht bei sich selbst.
Er schämt sich vor sich selbst, schämt sich für seine Schwäche; dann wird er wütend, aber noch im selben Moment schämt er sich selbst für diesen Anfall sinnlosen Ärgers. Bitter liegt das Gefühl dieser Launenschwankungen auf seiner Zunge und mischt sich dort mit dem scharfen Brennen des Gins. Auch Launenschwankungen sind etwas, das Luke immer den Frauen zugeschrieben hat, aber je länger er darüber nachdenkt, desto härter trifft ihn seine eigene Unentschlossenheit und Unsicherheit, die ihn mit jedem Gedanken unschlüssiger herumtreibt.

Auf dem robusten Holztisch steht noch eine halbleere Kaffeetasse von diesem Vormittag. Linnea liebt Kaffe, ebenso wie den Blick in seinen Garten; oft sitzt sie, wenn sie bei Luke ist, an dem groben Holztisch, anmutig in einen ihrer geliebten Kaschmir-Schals gewickelt, und beobachtet fasziniert die Eichhörnchen und Hasen, die hier auf den Wiesen für die Landbewohner keine Seltenheit mehr sind. Sie ist das Land nicht gewohnt, und obwohl Luke in diesen Momenten besonders gern ihre zarte Schönheit bewundert, während sie träumerisch nach draußen starrt und ihn nicht bemerkt, ist ihm ihre seltsame Mischung aus Bewunderung und Distanz zum ländlichen Leben ein wenig suspekt. Es erscheint ihm weltfremd und unnatürlich, wie fixiert sie auf ihr Stadtleben ist.

Überhaupt – Linnea! Sie ist ihm so fremd wie kaum ein anderer Mensch auf dieser Welt.
Was sie genau arbeitet, weiß er nicht einmal, aber sie ist ständig dabei, in unmenschlicher Geschwindigkeit Romane auf ihrem Blackberry zu verfassen, diskutiert den halben Tag am Telefon Verträge aus, und wenn er sie in ihrem schwarzen Audi nachts mit zu sich nach Hause nimmt, stöckelt sie zwar in ihren unbezahlbar teuren, schwarzen Louboutin-Pumps ohne ein Zeichen der Beschwerde über die Einfahrt aus grobem Kies, aber er hört sie jedes Mal leise seufzen, wenn sie sie im Flur neben seinen Gummistiefeln aufstellen muss.

Wäschekörbe, Waschmaschinen, Reinigungsmittel und Geschirrtücher sind ihr fremd, ebenso die Funktionsweise einer gemeinen Küche, denn Linnea verdient bei Gott genug Geld, um Dinge wie Waschen, Kochen oder Besuche im Supermarkt von einer Haushälterin erledigen zu lassen – bisweilen fehlt ihr für beides ohnehin die Zeit, und Essen nimmt sie sowieso fast ausschließlich in Form von kleinen, teuren Snacks in ihren Lieblingsrestaurants um die Ecke zu sich. Zum Mitnehmen, versteht sich. Ebenso versteht sich, dass ihr weder Nudeln noch Pizza, geschweige denn Süßigkeiten auf den Teller kommen: Das einzige, was sie mehr hasst als Schokolade, sind die Ramones, womit Luke besonders schwer zu kämpfen hat, denn obwohl ihm deren Musik selbst nicht besonders gut gefällt, weckt sie immer wieder fast liebevolle Erinnerungen an seinen Vater, der sie sehr verehrt hat.

Wieder steigt Wut in ihm auf, die durch den Anblick der halbleeren Kaffetasse auf dem Tisch verstärkt wird.
Sie haben sich vorher gestritten, heftig gestritten: Linnea kann Lukes Art, zu leben, nicht nachvollziehen. Sie versteht nicht, warum er so abgelegen auf dem Land lebt und der harten Arbeit auf dem riesigen Gestüt und den endlos weiten Ländereien noch selbst nachgeht, obwohl er bei seinem Besitz genauso gut längst nur noch im Büro sitzen, Arbeiter herumkommandieren und Gewinne abrechnen könnte. Sie hat ihn als grob und anspruchslos bezeichnet, er sie als realitäts- und lebensfern, und damit brach ein Streit vom Zaun, dessen Heftigkeit alles überstieg, was Luke jemals an Emotionen freigelassen hatte.

Wie kann eine Frau dermaßen abgehoben sein? Zweifellos ist sie sehr intelligent, und Luke schätzt Intelligenz, aber wer benutzt schon Worte wie Massenkommunikationsdienstleistung, Übertragungsverodnung oder Tapetenabschlusskante im ganz normalen Alltag? Ganz zu schweigen davon, dass sie letzte Woche die Lage seines Hauses auf dem Hügel als pittoresk bezeichnet hat.
Was hat er jetzt davon? Einen völlig verdrehten Geist! Diese Frau überschwemmt mühelos den Felsen in der Brandung, als den Luke seinen Charakter immer gesehen hat, und stürzt seine sonst so ruhige, in sich gekehrte Art in Wellen von Zweifel und Unsicherheit über seine bisherige Weltanschauung.

Aber trotz all dem schafft er es nicht, sie zu hassen, im Gegenteil; er bewundert sie. Sie fasziniert ihn, und sie zieht ihn stärker an als jede andere Frau, deren Bekanntschaft er jemals gemacht hat.
Lukes neueste Anschaffung, ein Zebrafell, welches er sich nur für das Wohnzimmer angeschafft hat, weil sie es ästhetisch fand, landet mitsamt seinem Ginglas durch die Terassentür auf der Wiese im Garten.
„Scheißdreck!“, brüllt er ihm hinterher. Nie hat sie sich auf dem Küchentisch über seine Grobheit beschwert, wenn er sie zum Schreien gebracht hat, und im Bett nie über die Ausdauer und die Muskeln, die die „sinnlose“ Arbeit mit sich gebracht hat.
Aber er kann diese Frau nicht hassen, die ihn alle seine Prinzipien hat verwerfen lassen und die dafür gesorgt hat, dass er jetzt in der Küche steht und feststellt, dass er zu viel getrunken hat, dass er auf einmal Zebrafelle kauft, um das Wohnzimmer zu dekorieren und dass er sich zum ersten Mal von einer Frau ernsthaft den Kopf hat verdrehen lassen.

Wie aus Protest leert er den Rest des Gins in sich hinein und ruft sich schließlich fluchend ein Taxi, um Linnea einen Besuch abzustatten. Er wird mit ihr reden müssen, nachdem er sie zum hundertsten Mal zum Schreien gebracht hat, und dann wird er sich endlich eingestehen müssen, dass er sie liebt.
Und das Zebrafell wieder aus dem Regen holen, gleich am nächsten morgen.

GENTLE GLOW

Du folgst mir durch den dunklen Flur, findest mich in meinem dunklen Zimmer wieder, wie ich, dem Bett zugewandt, gerade mein Oberteil gegen ein anderes tauschen will, damit wir gehen können, nur von hinten von dem warmen Aquarienlicht beleuchtet.
Du stellst dich hinter mich; ich halte in der Bewegung inne, als du die Hände um meine Taille legst, das Top nur noch vor dem Körper über den Armen.
Du küsst mich auf den nackten Rücken, die Schulterblätter, sanft und warm, bis zum Hals;
Ich drehe mich zu dir um, fahre dir mit den Fingern durch die weichen, dunklen Haare, schaue dich liebevoll an, schüttle den Kopf, und küsse dich, wie man jemanden küsst, der gerade schmerzlich etwas verloren hat, was ihm wichtig war, und der einem so wichtig ist, dass es wehtut, das in den Augen zu erkennen.
Dieser Geruch, diese Wärme. Diese Stille. Trotz dem unschönen Verlust, der über uns hängt, der die Stille macht, ist die Gefühlsintensität dieses Momentes überwältigend.
Mein Liebling, ich komme nicht umher, mich zum tausendsten Mal zu wundern, über welch einen Zeitraum ich es nicht geschafft habe, genug von dir zu bekommen.