VEHEMENCE

Minni - Razor Sharp Cat Eye
Original Photo by Peter Gorges

 

Wenig Mondlicht dringt durch den Spalt im Vorhang und malt seine Umrisse auf dem schmalen Bett nach, aber es ist weißes, erstaunlich kräftiges Vollmondlicht, sodass die Szenerie in ihrer fehlenden sonstigen Beleuchtung mitten in der Nacht erstaunlich kontrastreich und damit gut erkennbar ist.
Er liegt mit dem Rücken zu mir. Ich fahre mit den Augen an den geschwungenen Muskeln seiner nackten Arme entlang, die unter der Decke hervorlugen, und zögere. Ich möchte ihn nicht wecken.
„Entschuldige.“, seufze ich schließlich leise, aber es gibt keine andere Schlafmöglichkeit mehr in dieser Wohnung und ich habe die wenigen restlichen Stunden Schlaf für morgen dringend nötig.

Ich beuge mich vorsichtig über ihn, fange mein Gewicht mit den Armen und Beinen ab und schiebe mich wie eine Stelzenpferd lautlos über seinen regungslosen Körper, immer im Bemühen, das Gewicht nicht zu ruckartig zu bewegen. Zwischenzeitlich komme ich mir vor wie eine schlechte Mischung aus CIA-Agentin und Witzfigur. Dieser multifunktionale Aspekt wird am Ende noch um die biotechnische Übernahme der Funktionstechnik einer Hebebühne erweitert, als ich auf dem dreißig Zentimeter breiten, freien Streifen Bett neben ihm angekommen bin und mich langsam mit angehaltenem Atem kontinuierlich herabsinken lasse, bis mein Gewicht vollständig auf der Matratze liegt. Langsam lasse ich die aufgestaute Luft aus meinen Lungen entweichen, die ich unbewusst angehalten habe.

Ich versuche so leise wie möglich zu atmen und beobachte, ob in seinem Gesicht irgendeine Zuckung verrät, dass er mein Kommen bemerkt hat, aber er reagiert mit keiner Regung.
Gerade, als ich mir sicher bin, dass er meinen Gesellschaftszuwachs einfach überschlafen hat, öffnen sich seine Lippen zu einem wenige Millimeter breiten Spalt. Seine Nasenflügel zucken, dann weiten sie sich wie bei einem Tier, das die Nüstern bläht.
Er hat mich bemerkt. Mein Puls steigt.
Eine fließende, kaum wahrzunehmende Wellenbewegung geht durch seinen ganzen Körper, und obwohl wir uns nicht berühren, meine ich über die kurze Distanz zu spüren, wie das Blut schneller durch seinen Körper fließt und der Kreislauf in Schwung kommt.
Ich bin mir sicher, dass er wach ist, obwohl sein Gesicht regungslos bleibt.

Er öffnet die Augen plötzlich, ohne Vorwarnung und ohne zu blinzeln. Die Pupillen ziehen sich im Mondlicht im Bruchteil des ersten Momentes zusammen, sein Blick ist von der ersten Sekunde an wach und der Geist dahinter völlig präsent. Seine Pupillen schimmern in dem reinen Licht, als würden sie von innen heraus leuchten.
Für einen kurzen Augenblick starrt er mich mit bahnbrechender Klarheit im Blick direkt an, als wäre er unheimlich aufgebracht; er durchbohrt mich mit dieser Tiefe regelrecht, bis ich das Gefühl habe, dass mein Herzschlag aussetzt.

Dann fliegt sein Blick in einer unheimlichen Geschwindigkeit über meinen Hals, meine Hände, meine Taille und die Rundung der Hüfte, als würde er sich innerhalb kürzester Zeit ein Bild der Situation machen, bevor er wieder meine Augen trifft.
Er zieht die Augenbrauen zusammen, nicht der Hauch eines Lächelns schleicht sich in sein sonst stets so amüsiertes Gesicht.
Seine Atmung wird tiefer, ich spüre seinen Herzschlag durch die Matratze.
Erst steigt tiefe Nachdenklichkeit in seinem Blick auf, dann funkelnder Zorn, dann leichte Resignation und dann schließt er die Augen und atmet einmal tief durch. Ich höre es regelrecht in seinem Kopf rattern, wie er einen inneren Kampf mit sich selbst führt.

Er öffnet die Augen plötzlich, ohne Vorwarnung und ohne zu blinzeln.
Es liegt nicht mehr viel Menschliches darin, nichts von dem Verstand, der uns von den Tieren unterscheidet.
Es ist der brennende Blick eines Raubtieres in der Sekunde, bevor es seine Beute reißt, und unser Puls hämmert im selben Takt.
Er hat sich entschieden.

CORE

Wir rennen barfuß kreuz und quer über eine vom Tau nasse Wiese, umzingelt von Leuten, die ich nicht kenne, aber deren Persönlichkeiten mir bekannt vorkommen, alles wirkt verschwommen.
Der Weg führt uns um einen Haufen Sperrmüll, um Tische, die mit Tüchern verhangen sind, der Boden ist nass, lehmig und rutschig. Leute brüllen uns irgendetwas zu, und der Ton ist freundlich, obwohl die Worte es nicht sind; Über uns dröhnen immer wieder die Rotoren einer riesigen Formation Düsenflieger, die Bomben über uns abwerfen.
Die Leute wollen uns umbringen, haben die Wiese wie ein menschliches Schild umstellt, lassen niemanden zwischen ihnen fliehen.
Irgendwann habe ich mich durch den Sperrmüll gegraben, kauere unter einem kleinen, quadratischen, verhangenen Tisch, zähle nach jeder Runde der Formation die Sekunden, bis aus dem pfeifenden Geräusch fallender Bomben der Lärm ihres Aufschlags kommt und alles erbebt.
Ich weiß irgendwie, dass ich überleben werde, warte nur darauf, dass es aufhört, dass dieses Pfeifen und das Beben aufhört. Ich bin wach und konzentriert, aber ruhig und friedlich.
Sie werden mich vergessen. Zwischen dem Sperrmüll bin ich sicher, solange sie mich für tot halten.

Ich luge irgendwann vorsichtig zwischen dem Stoff hindurch, der um meinen Tisch gespannt ist, und sehe Core mitten auf der Wiese stehen, neben irgendeiner Person, die keine Rolle spielt, er fängt meinen Blick auf und schaut mich an mit dieser unglaublichen Reife, die ich scheinbar als einzige bei ihm festgestellt habe. Ein nicht in Worte zu fassender Blick;
Die blaugrauen, klaren Augen so voller Zuneigung, mit dem ganzen Ernst des Lebens und unendlicher Zuversicht, aber gleichzeitig in dem Wissen, dass es für ihn hier vorbei ist.
Ich will schreien, aber sein Blick taucht die Situation mit dem donnernden Lärm plötzlich in irre Ruhe; Aus dem Massenchaos wird Zeitlupe, bis auf seine langsamen Schritte auf mich zu und seine glasklaren Augen ist alles verschwommen, die aufkommenden Bomben sind nicht mehr mehr als ein dumpfes, abgedämpftes Grollen. Regentropfen fallen in bauchigen, runden Kugeln auf seine Schultern.
Ich will nicht ohne ihn weg. Ich weiß, dass ich durchkommen werde, aber ich will es verdammt nochmal nicht ohne ihn.
Ich will schreien.
Als das Zischen der nächsten Bombensalve ihn noch nicht ganz erreicht hat, wache ich auf, und für den Moment, in dem ich noch nicht ganz zurück, aber bereits weg bin, setzt mein Herz für einen ewigen Moment aus.