DAILY ROUTINE

Dark Wood Grain

Photography by Brett Jordan under CC 2.0

Schlaftrunken und durchgefroren sind morgens um diese Uhrzeit die letzten drei Reihen des steilen Hörsaals der beste Anlaufpunkt, durch die Loge von der grellen Beleuchtung geschützt, in dämmriges Halbdunkel getaucht, wo einem der wohlbekannte, holzig-süße Geruch des frisch renovierten Holzmöbelars mit seinem speziellen Lack besonders in die Nase zieht;
dort hinten, wegen der Enge innerhalb von drei Minuten kuschelig in einem Jackenhaufen vergraben, lässt sich so ein Tag ganz gut anfangen.

Man ignoriert den Geruch von Kaffee, von dem man sich geschworen hat, gar nicht erst damit anzufangen, und bereits zu viele Wochen durchgehalten hat, um jetzt aufzugeben,
beobachtet mit einer müden, mittlerweile teilnahmslosen Unverständlichkeit den immer mit dem Hungertod kämpfenden Steroidtypen, der sich um diese Uhrzeit bereits an seine Tagesaufgabe macht, die traditionelle tägliche Tupperbox Reis mit Hühnchen von den Ausmaßen eines kleinen Aquariums innerhalb der nächsten Stunden leer zu schaufeln,
verdreht die Augen, wenn Macklemore wieder dreißig Dezibel zu laut und mit dem allzu gut bekannten, nervenaufreibenden, Tinnitus verursachenden Unterton von der letzten „big party“ anfängt,
und hält, sofern man der männlichen Kommilitonenhälfte angehört, Ausschau nach den beiden hübschen Blondinen, die, wenn man Glück hat, gerade das kurze Schwarze ausführen, während man darauf wartet, dass der Kreislauf in Schwung kommt.

Anna fragt mich etwas, was ich schon alleine vom Satzaufbau nicht verstehe.
„Gib mir ein paar Minuten, ich bin erst seit einer Viertelstunde wach.“, gähne ich und wecke meinen Mac, der mit einer vorbildlichen Arbeitsmotivation sofort sanft aufleuchtet.
Kurz darauf bekomme ich Besuch.
„Hallo, ich bin Sascha!“, begrüßt mich ein dunkelhaariger, Cordanzugträger mit strahlendem Lächeln, streckt mir seine Hand ins Gesicht, lässt sich auf den freien Sitz neben mir plumbsen und erhöht somit die Jacke-per-Sitz-Rate von gemütlich auf saunaähnlich.
Dann packt er seine Gesetzbücher aus, die er ganz businessmäßig in einem professionellen Schönfelder-Case mit Henkelchen mit sich herumträgt, um sie nicht zu beschädigen. Glücklicherweise studiert er weder Mathe noch Wirtschaft. Ich beschließe, ihm nicht den Tag zu versauen, indem ich ihm in einer Kosten-Nutzen-Analyse erkläre, dass die Relation zwischen zwei dtv-Gesetzbüchern, die zusammen keine 20 Euro kosten, und einem Ledercase für mindestens 80 Euro ökonomisch nicht so wahnsinnig vorteilhaft ist.

Mit der Ankunft des Professors kommt schließlich meine Arbeitsbereitschaft auf, die nach einem mir immer noch unbekannten inneren System auf Knopfdruck bereits nach wenigen Minuten Vorlesung den motivierten Mac heißlaufen lässt.
„Na sag bloß du schwänzt?“, simse ich Philipp, der in der Massenlandschaft fehlt.
„Niemals! Klassischer zu spät links außen.“, kommt zurück.
Ich schreibe ihm, er soll die Tickets nicht vergessen.
Sascha malt jeden Unterpunkt in einer anderen Farbe an. Das sind mittlerweile 6, weil wir bereits bei klein-doppel-a sind. Ich stiere auf seinen Aufschrieb.
„Wenn du nicht mit dem Laptop schreiben würdest, würde ich dir meine Stabilos anbieten!“, strahlt er, dann schickt er mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook.

Während vielleicht ein Viertel der Anwesenden völlig übermotiviert ist, fängt die Reihe unter mir an, Strichlisten zu führen, wie viele Köpfe schon auf den Tischen liegen.

Als ich zwischenzeitlich anfange, meine eMails zu checken, nickt Philipp in meine Richtung, ohne von seinem Handy hochzuschauen.
„Na Jules, schwächelst du?“
Ich stoppe auf meiner imaginären Armbanduhr die Zeit.
„Dreieinhalb Seiten um 9:15 Uhr. Ich liege gut in der Zeit. Wie weit bist du?“
„30.000 beim Poker. Tendenz steigend.“

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THE CALL OF DUTY

Universitetsbiblioteket 080508.jpg
Universitetsbiblioteket 080508“ von Anton Holmquist SoastaEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Wenn Toni nicht ziemlich laut „Parkplatz!?“ gerufen hätte, hätte ich die Erste-Klasse-Lücke direkt vor der Uni einfach übersehen, weil ich in meiner Erwartung, dass die Tausenden von Studenten dieses Komplexes an einem Mittwochmorgen schon in den Hörsälen sitzen und die Uni damit bis in die dritte Reihe auf die Straße vollgeparkt sein müsste, gar nicht erst hingeschaut hatte.
Ich bin in der bereits festen Annahme, mir in mindestens zwanzig Minuten mühevoller Scanarbeit einen Parkplatz in unmittelbarer Nähe zu suchen, eigentlich nur an der Uni vorbeigefahren, um sie ihm zu zeigen. Dann fällt mir ein, dass die Studenten vorlesungsfreie Zeit haben.
Selbstzufrieden betrachte ich den riesigen Brunnen vor der Uni, der so unheimlich kultiviert wirkt; nicht mal zahlen muss man hier bis neun Uhr. Wenn wir Glück haben, sind wir bis dahin schon wieder unterwegs.

Die Luft hinter den großen, dunklen Holztüren ist zwischen den steinernen Mauern und Säulen kühl und trocken, und unsere Schritte hallen lange durch die hohen Decken mit den großen, leicht milchigen Fenstern, als wir die breite Steintreppe besteigen.
Steinstatuen begrüßen uns von ihren Sockeln herab mit nachdenklichem Blick.
Die ehrwürdige Atmosphäre, die über diesem schönen, alten Gebäude liegt, verfehlt auch bei diesem Besuch nicht seine Wirkung; noch immer versetzt mich diese Eingangshalle in eine andächtige Stimmung. Seit mehreren hundert Jahren lernen, leiden, faszinieren, scheitern und triumphieren die Studenten hier in den Vorlesungssälen der Juristischen Fakultät über die Rätsel der modernen Rechtsprechung, und ich werde demnächst unter ihnen wandeln, mitten im Stadtzentrum.
Die Immatrikulation geht relativ zügig voran; strebsam arbeitet eine sympathische, blonde Dame den Stapel an Bürokratie durch, den ich die letzte Woche zusammensammeln durfte, um ihn gegen ein paar andere Dokumente und meinen Studentenausweis auszutauschen.

Ich freue mich wahnsinnig darauf, mein Studium anzutreten – nicht, weil mich in meiner Heimat nichts hält; aber es ist nicht nur ein Umzug für mich, es wird tiefgreifend mein Leben verändern, und das fängt schon bei Toni an.
Er ahnt das. Ungewöhnlich still sitzt er auf der Rückfahrt neben mir im Auto, fährt sich mit der Hand abwechselnd durch die dichten, fast schwarzen Haare und seinen Bart, während er nachdenklich das Geschehen hinter der Scheibe anvisiert, das an uns vorbeiziehen, ohne irgendetwas davon wirklich wahrzunehmen. Ich lege ihm die freie Hand auf den Oberschenkel, um ihn zu beruhigen; was würde es nützen, ihm unnötig Kummer zu bereiten? Für den Moment reicht es völlig, den Konflikt mit mir selbst auszukämpfen.

„Noch 50 Tage bis Semesterstart.“, lautet die Überschrift des Studentenportals der Uni. The duty calls.
Es wird hart, rücksichtslos und streng, aber ich bin hochmotiviert, schon seit Monaten.
Jetzt steht endlich alles fest, Uni, Wohnung, sogar die anderen 26 bürokratischen Baustellen von Sozialversicherungsbefreiung bis Einwohnermeldeamt.
Alles ist bereit; ich bin bereit.

Aber bis dahin bleiben mir noch ein paar Wochen Urlaub, und der call of duty wird erst einmal noch in weniger kultivierter Form auf die XBox abgeschoben.