AUGEN ZU

Das Wetter ist seit Tagen so wechselhaft wie meine Laune.
Im Moment ist der Himmel so dicht von dunkelgrauen Wolken bedeckt, dass es den Anschein hat, sie würden nie wieder abziehen – die letzte Vorstufe von schwarz zwischen dreckigem weiß. Noch hat es nicht geregnet, und obwohl die Sonne nicht ansatzweise gegen die Wolkendecke ankommt, ist es drückend schwül.

Tino liegt, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen, in einem alten, großen Klappsessel auf der Holzveranda, an deren Überdachungsbalken ein Hängesitz baumelt, in dem ich vor mich hindöse. Er hat die langen Beine ausgestreckt und raucht, hat nur kurz protestiert, als ich ihm entgegen meiner Beschlüsse die Zigaretten weggenommen und wenig später selbst eine angesteckt habe.
Wir sitzen in irgendeinem Schrebergarten, Besitzer unbekannt, auf der alten Holzveranda, von der aus man einen Blick über fast die ganze Stadt hat, obwohl um ihn herum alles völlig zugewachsen ist. Wir sind oft hier.
„Scheiße, das Wetter macht mich fertig.“, stöhnt er.
Er sitzt über seinem wasweißichwievielten Glas Wodka und lässt sich von dem Alkohol bis jetzt noch erstaunlich (beziehungsweise erschreckend) wenig anmerken.

Ich weiß, warum ich hier bin. Ich wollte ein bisschen Ruhe, ein bisschen Nachdenken, überlegen, wie es sein kann, dass es plötzlich nur noch zweieinhalb Jahre sind, bis ich mein Abi machen muss, wohin die ganze Zeit verflogen ist, und warum ich dauernd das Gefühl habe, irgendwas verpasst zu haben.
Ich schnaube. Ich bin gerade erst fünfzehn geworden, vor drei Wochen. Und das einzige, woran ich denken kann, ist, dass ich langsam mal anfangen könnte, Sex zu haben.
„Was ist denn jetzt eigentlich mit dir und Chris?“, fragt Tino.
Reißen wir uns gegenseitig ´raus, oder reiten wir uns ´rein…„, zitiere ich nachdenklich und lehne mich zurück. „Tino, ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Ich glaube, ich brauch gerade einfach mal ein bisschen Abstand, muss mich mal wieder einkriegen und mein Leben ordnen. Das ist gerade ein einziges Chaos.“
„Allein zwischenmenschlich ist bei dir doch sowieso immer Chaos.“, antwortet er.
„Ja, aber sonst hab ich´s im Griff.“
Er lacht trocken und ich stelle seufzend fest, dass Tino im Moment einer der wenigen ist, die ich kompromisslos ertrage. Ich hatte vor, alleine zu sein, aber als er schon in dem Klappstuhl saß, die Flasche Wodka vor sich auf dem kleinen Stahltischchen, als ich gekommen bin, hab ich mich aufrichtig gefreut, ihn zu sehen.

Innerhalb von Augenblicken fängt es an zu schütten.
Tino hievt sich ächzend aus dem Klappstuhl und verschwindet fluchend durch den Flutregen hinter dem Holzhaus, wo er einen Kugelgrill aus dem Geräteschuppen zerrt, und ich hole aus der Holzhütte ein paar Holzscheite und zwei Wolldecken, bevor ich mich plötzlich schlagartig daran erinnere, dass Tinos Jacke mit seinem Handy noch an irgendeinem Baum hängt und losrenne, um das Teil zu retten.
Was zur Folge hat, dass wir beide kurz darauf klatschnass sind.
Tino leert Wodka über die Holzscheite und zündet sie mit einem Feuerzeug an, dann verschwindet er in der Hütte und kommt kurz darauf mit zwei Schachteln Kippen wieder, die er auf den Tisch legt und sich zufrieden seufzend wieder in den Klappsessel fallen lässt.
Irgendwann hat er gemerkt, dass unser anonymer Schrebergärtner-Gastgeber in einem kleinen Umzugskarton etliche Stangen Camel-Zigaretten lagert – verständlich, dass seine Vorräte mit der Zeit fremdschrumpften.

Irgendetwas macht mir Stress, irgendetwas hindert mich daran, mit meinem mittlerweile seit Jahren existierenden Projekt, mein Leben aufzuräumen, voranzukommen. Woher, denke ich, überhaupt immer dieser endlose Drang nach Ordnung?
Ich merke, wie ich mich wieder in meiner altbekannten Schleife verhadere, aber dann atme ich schließlich tief durch und schließe die Augen.
Wer macht sich schon Sorgen, wenn er mit jemandem wie Tino so auf einer Holzterasse sitzen kann, umgeben von zugewucherten, dunkelgrünen Schrebergärten, mit Camel-Zigaretten „für umsonst“ und mit so einer Aussicht?
Es dauert einen Moment, aber letztendlich starre ich sehr friedlich in den kühlen Sturzregen, der endlich die erste körperliche Erleichtung von der drückenden Schwüle des Tages bringt.